Die Bedeutung eines suffizienten Lebensstils für ein gutes Leben

Ausgangslage, Ziele und Forschungsfragen

Der Verbrauch natürlicher, insbesondere nicht erneuerbarer Ressourcen steigt weltweit ständig und verursacht gravierende soziale und ökologische Probleme. Diese verhindern, dass ein gutes Leben für alle aktuell und zukünftig lebenden Menschen – ein grundlegendes Ziel einer Nachhaltigen Entwicklung –  gewährleistet werden kann. Um die Probleme zu lösen, wurde bisher vor allem auf die beiden Nachhaltigkeitsstrategien Effizienz und Konsistenz gesetzt. Gegenüber der dritten Strategie, der Suffizienz, sind teilweise grosse Berührungsängste und Vorbehalte vorhanden. Suffizienz, so unsere Ansicht, ist aber nötig, da die beiden anderen Strategien erwiesenermassen nicht hinreichend sind, um die Probleme in den Griff zu bekommen.

Die Debatte um Suffizienz wird vorwiegend im Kontext individueller Lebensstile geführt. Das Projekt „Die Bedeutung eines suffizienten Lebensstils für ein gutes Leben“ verfolgte das Ziel zu erforschen, wie ein suffizienter Lebensstil in der Schweiz konkret aussieht und wie er der breiten Bevölkerung zugänglich gemacht werden kann. Wie der Titel zeigt, stand auch die Frage nach dem guten Leben im Vordergrund. Wir sind nämlich davon ausgegangen, dass Menschen erst dann bereit sind, ihr Verhalten zu ändern, wenn sie sich davon gewisse Vorteile versprechen. Kann gezeigt werden, dass ein suffizienter Lebensstil wesentlich zu einem guten Leben beiträgt, kann dies die Menschen dazu motivieren, ihr Leben entsprechend auszurichten, so unsere These. 

Folgende Fragen wurden erforscht:

  • Wie sieht ein suffizienter Lebensstil in der Schweiz – bezogen auf die Bereiche Mobilität und Alltagskonsum – heute aus? Welche Einstellungen und Werte motivieren einen suffizienten Lebensstil, welche Kompetenzen befördern ihn?
  • Welche Zusammenhänge sehen suffizient lebende Personen zwischen ihrem Lebensstil und der positiven Bewertung ihrer Lebenszufriedenheit?
  • Welches sind fördernde Faktoren eines suffizienten Lebensstils und welches sind Hemmnisse?
  • Wie kann ein suffizienter Lebensstil in der breiten Bevölkerung verankert werden?

Definition „Suffizienter Lebensstil“

Der Begriff „Suffizienz“ leitet sich vom lateinischen sufficere ab und wird übersetzt mit ausreichen, genügen. Einen suffizienten Lebensstil pflegen gemäss unserer Definition Personen, die in den Bereichen Mobilität und Alltagskonsum einen im Vergleich zum Schweizer Durchschnitt tieferen Ressourcenverbrauch aufweisen und dennoch mit ihrem Leben zufrieden sind. Für die Bereiche Mobilität und Alltagskonsum haben wir uns aufgrund ihrer hohen Ressourcenintensität entschieden. Den Bereich des Wohnens haben wir bewusst ausgeklammert, da hier die individuellen Handlungsspielräume weniger gross sind. Suffizienz und Lebenszufriedenheit (als Inbegriff eines guten Lebens), hängen nach uns deshalb eng miteinander zusammen, weil wir „genug“ im Sinne von „genug für ein gutes Leben“ interpretieren.

verkehr
What could a concept for “intelligent mobility” and less traffic look like in a sufficient lifestyle? Photo: Roland zh

Umsetzung

Anhand eines Selektionsfragebogens wurden Personen identifiziert, welche a) auf der Ebene des Verhaltens bestimmten Kriterien (z.B. nachhaltiges Mobilitätsverhalten, reduzierter Konsum) entsprechen und b) angeben, mit ihrem Leben zufrieden bis sehr zufrieden zu sein (vgl. unsere Definition eines suffizienten Lebensstils). In leitfadengestützten, qualitativen Interviews wurden diese Personen in einem zweiten Schritt zu ihren Einstellungen und Werten befragt. Um als „Person mit einem suffizienten Lebensstil“ zu gelten, mussten auch die Einstellungen und Werte bestimmten Kriterien entsprechen (z.B. Streben nach inter- und intragenerationaler Gerechtigkeit, Verantwortung gegenüber der Natur). Aus den 25 durchgeführten Interviews konnten wir 16 Personen mit einem suffizienten Lebensstil identifizieren. Weiterhin wurde ein Workshop mit ExpertInnen aus Wissenschaft und Praxis suffizienzrelevanter Themen zur Frage möglicher Fördermassnahmen für einen suffizienten Lebensstil durchgeführt. Die Ergebnisse aus der Auswertung dieser 16 Interviews sowie aus dem Workshop bildeten die Grundlage für die Beantwortung unserer Forschungsfragen. 

Erkenntnisse

Es gibt in der Schweiz Personen, die einen suffizienten Lebensstil leben. Sie sind vorwiegend mit dem Velo oder ÖV unterwegs, fliegen selten bis gar nicht, konsumieren bewusst wenig und wenn, dann sozial und ökologisch verträglich.  Zudem sind sie mit ihrem Leben zufrieden. Bei den von uns interviewten Personen handelt es sich vorwiegend um solche aus einer höheren Bildungsschicht mit entsprechendem Einkommen. Dies ist jedoch in erster Linie auf das Forschungsdesign zurück zu führen, welches keinerlei Anspruch auf Repräsentativität erhebt. Die Geschlechter sind ausgeglichen und es finden sich Personen verschiedenster Altersgruppen, die alleine, zu zweit, in einer traditionellen Familienstruktur, aber auch in einer grösseren Gemeinschaft leben.

Motiviert zu ihrem Lebensstil werden die Personen insbesondere durch eine erhöhte Sensibilität für die Bedürfnisse anderer (auch zukünftig lebender) Menschen und der Natur, sowie ein stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl. Ressourcen zu schonen ist ihnen ein wichtiges Anliegen und sie sind der Ansicht, materieller Konsum trage nicht zwingend zur Lebenszufriedenheit bei.  

Als einen suffizienten Lebensstil hemmende Faktoren werden vor allem genannt: die Macht der eigenen Gewohnheiten, mangelnde Angebote (z.B. an Bioprodukten) oder Infrastruktur (z.B. keine ÖV-Verbindungen), sowie Freunde und Familie, die den Lebensstil nicht akzeptieren. Stimmen hingegen Angebot und Infrastruktur, wie vielerorts in der Schweiz, und kann auf einen ähnlich gesinnten Familien- und Freundeskreis zurückgegriffen werden, empfinden dies unsere Interviewpersonen als förderlich für die Umsetzung ihres Lebensstils. Ausserdem wird die Vereinfachung des Lebens (‚Leichter Leben’, ‚Entrümpelung’) als fördernder Faktor betont.

Zu einem guten Leben trägt ein suffizienter Lebensstil deshalb bei, weil er Zeit und Raum schafft, das Leben nach eigenem Gutdünken zu gestalten: Wer seine materiellen Ansprüche bewusst herunterschraubt, muss weniger Zeit in die Erwerbsarbeit stecken. Er ist dann zwar weniger reich an Gütern, dafür steigt der Reichtum an Selbstbestimmung, Freiheit, sozialen Beziehungen, Reflexion, Musse und einem bewussteren Leben.

Diese Erkenntnis sollte gemäss unseren ProbandInnen am besten in Form von Bildung „unter’s Volk“ gebracht werden. Zur Verbreitung eines suffizienten Lebensstils werden aber auch das Schaffen entsprechender institutioneller Rahmenbedingungen (z.B. die Förderung gemeinschaftlicher Initiativen) als wichtig angesehen. Zudem wird aufgrund des ihm inhärenten Wachstumsmaximierungszwangs der Umbau des aktuellen Wirtschaftssystems als erforderlich erachtet.

Wirkung des Projektes

Das Projekt leistet einen Beitrag zur zunehmend rege geführten Debatte rund um’s Thema Suffizienz und gutes Leben. Insbesondere die anschaulichen Porträts von suffizient lebenden Personen in der Schweiz ergänzen den Diskurs und geben ihm ein Gesicht. Zudem wurden Massnahmen verschiedenster Art zusammengetragen, die dabei helfen sollen, die Verbreitung eines suffizienten Lebensstils in der Gesamtbevölkerung voran zu treiben. Damit hoffen wir, dem langsam anrollenden Stein eines gesellschaftlichen Bewusstseinswandels hin zu mehr Nachhaltigkeit einen zusätzlichen Schub zu verpassen. 

Publikation

Teaser

Genug genügt: Mit Suffizienz zu einem guten Leben

Wie sieht das Leben der Menschen aus, die möglichst wenig Ressourcen verbrauchen und Suffizient, also genügsam, leben möchten? Welche Einstellungen und Werte motivieren sie, so zu leben? Welche Faktoren erleichtern ihnen einen solchen Lebensstil, was macht es ihnen schwer? Kann ein suffizienter Lebensstil zu mehr Lebenszufriedenheit führen und ein gutes Leben begünstigen? Mehr dazu im neuen Buch vom CDE „Genug genügt“.

M. Leng, K. Schild, H. Hofmann
Genug genügt: Mit Suffizienz zu einem guten Leben
oekom verlag, München
ISBN 978-3-86581-815-7
Link zur Publikation

Link zum Flyer (PDF, 2.3 MB)

Let’s go DanaLand

Das Spiel "Let's go DanaLand" ist eingebettet in eine interaktive Ausstellung und vermittelt Wissen über einen suffizienten Lebensstil. Vom 1. September bis 30. November 2016 wird die Ausstellung in der Umwelt Arena in Spreitenbach präsentiert. Ab Januar 2017 wandert sie in verschiedene Gemeinden und Schulen.

Weitere Informationen: www.danaland.unibe.ch

exhibit