Centre for Development and Environment (CDE)

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«Die SDGs laufen Gefahr, sich zur Anti-Politik-Maschine zu entwickeln»

Halbzeit bei der Agenda 2030: Neben einem deutlichen Verzug bei der Umsetzung erwächst den Zielen für nachhaltige Entwicklung, den SDGs, auch Kritik. Tobias Haller, Professor am Institut für Sozialanthropologie der Uni Bern und affiliiert am CDE, mahnt: Weil kollektive Gemeingüter – Commons – in der Agenda 2030 nicht berücksichtigt sind, könnten staatliche Eliten und Private weiterhin das Grabbing solcher Ressourcen legitimieren – nicht zuletzt mit den SDGs.

«Wir müssen uns mit den Ursachen der weltweiten Umwelt-Probleme und mit den Machtasymmetrien auseinandersetzen, die dabei eine Rolle spielen»: Tobias Haller. Foto: zvg


Interview: Gaby Allheilig

Tobias Haller, zusammen mit zwei weiteren Autoren fahren Sie in einem kürzlich publizierten Wissenschaftsartikel schweres Geschütz gegen die UNO-Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 auf: Diese seien eine «Anti-Politik-Maschine», die dem Greenwashing des Wirtschaftswachstums zudiene und die herrschende Ungleichheit zementiere. Der Kern dieser Kritik an den SDGs ist nicht neu. Warum haken Sie jetzt nach?

Als die SDGs formuliert wurden, war bekannt, dass neben den Regierungsstellen und dem Privatsektor teilweise auch die Zivilgesellschaft über einige NGOs einbezogen worden war. Erst später wurde offenkundig, dass die Sichtweisen von lokalen Bevölkerungen praktisch nicht in die Nachhaltigkeitsziele eingeflossen sind. Das lokale Wissen, wie Menschen mit den natürlichen Ressourcen nachhaltig umgehen könnte, blieb damit aussen vor.

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«Wir wollen die Diskussion anstossen, welche Auswirkungen das Commons-Grabbing hat»

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Dazu kommt, dass die Agenda 2030 die grundlegenden Ursachen für unsere Umwelt- und Gerechtigkeitsprobleme nicht anspricht. Weil solche politischen und machtpolitischen Hintergründe unerwähnt bleiben, entwickeln sich die SDGs potenziell zur Anti-Politik-Maschine, die diese Hintergründe vernebeln – und deren Ausmass und Gefahren, die damit einhergehen, erst jetzt sichtbar werden. Mit unserem kritischen und bewusst auch etwas pointierten Beitrag wollen wir die Diskussion darüber anstossen, wie lokale Bevölkerungen – insbesondere Frauen und marginale Gruppen – der Rechte an ihren Ressourcen beraubt werden, und welche Auswirkungen das hat.

Die Interessen der jeweiligen Landesbevölkerung werden für gewöhnlich durch ihre Regierungen vertreten. Was ist in diesem Fall schief daran?

Zwischen der lokalen Bevölkerung und Regierungsstellen gibt es eine Diskrepanz. Zum Beispiel beim Naturschutz: Aus der Forschung wissen wir, dass es im globalen Süden etliche Naturschutzgebiete gibt, die man über die Köpfe der Betroffenen hinweg eingerichtet hat. Man hat Menschen aus ihrem Lebensraum verdrängt und dabei nicht einmal gemerkt, dass diese Gebiete nicht Natur pur sind, sondern dass sie seit langem genutzt und bewirtschaftet werden, es sich also um Kulturlandschaften handelt.

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«Es besteht das Risiko, dass die Aneignung von natürlichen Ressourcen mit Umweltaspekten gerechtfertigt wird»

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Dass die SDGs nicht perfekt formuliert sind, liegt auf der Hand: Sie stellen einen Kompromiss dar, auf den sich die UNO-Mitgliedsstaaten geeinigt haben. Angesichts der Klima- und Biodiversitätskrisen sowie zunehmender Ungleichheiten ist das doch ein wichtiges politisches Signal.

Ja, das ist ein politisches Signal. Damit es jetzt aber ernst genommen wird und es nicht bei Lippenbekenntnissen bleibt, braucht es eine Zusage, dass man sich mit den Ursachen der Umweltprobleme und mit den Machtasymmetrien auseinandersetzt, die dabei eine Rolle spielen. Wenn man diese nicht durchschaut und benennt, besteht die Gefahr, dass Regierungen die Agenda 2030 dazu benutzen, die Aneignung von natürlichen Ressourcen mit Umweltaspekten zu rechtfertigen. Das ist dann nicht nur Greenwashing, sondern geht darüber hinaus – so weit, dass man mit der Agenda 2030 das Gegenteil dessen erreicht, was man wollte.

Zum Beispiel?

Wälder, Weiden und Gewässer, zu denen die Bevölkerung im globalen Süden früher über diverse Formen des Kollektiveigentums – sogenannte Commons – Zugang hatte, sind zu einem grossen Teil in den Händen von staatlichen Eliten oder Privaten gelandet. Das führt zu äusserst problematischen Dynamiken. In Kenia zum Beispiel wird das Mega-Infrastrukturprojekt LAPSSET mit den SDGs legitimiert. Dafür wurde in der Küstenstadt Lamu ein grosser Hafen gebaut, der die kollektiv bewirtschafteten Fischgründe der lokalen Bevölkerung zerstört.

In anderen Gebieten führt das Commons Grabbing zu einer direkten Zerstörung – unter anderem auch durch die lokale Bevölkerung: In Sambia etwa wirft man lokalen Gruppen vor, sie seien Wilderer. Diese sagen sich: «Man hat uns das Wild genommen. Es gehört jetzt der Regierung, nicht uns, und nun kommen Leute von ausserhalb mit gekauften Lizenzen zur Jagd. Warum sollen wir warten, bis sie alles Wild erlegt haben?» Das ist ein Weg, wie Umweltzerstörung und Armut entstehen. Denn seit der Kolonialzeit wurden der lokalen Bevölkerung vielerorts in grossem Stil die Rechte an kollektiven Ressourcen entwendet.

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«Es ist niemand da, der kontrolliert, ob der Norden sich vom ‘Business as usual’ verabschiedet»

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Immerhin verlangen die SDGs von allen Staaten – erstmals auch den Industrienationen des Nordens – eine Abkehr vom «Business as usual». Und sie verpflichten sämtliche Länder, auf nationaler Ebene Reformen für eine nachhaltige Entwicklung aufzugleisen. Sehen Sie darin keinen Fortschritt?

Das wäre an sich ein guter Punkt. Nur sehe ich nicht, wo das so festgeschrieben ist, damit es wirklich Biss hat. Viele Asymmetrien werden nicht angesprochen: Dass die Staaten des Nordens massiv mehr Ressourcen konsumieren, dass sie sich Ressourcen unter problematischen Bedingungen günstig aneignen können, etc. Bei der Formulierung der SDGs waren gewisse Staaten des Nordens offensichtlich «dynamischer», um es freundlich zu sagen. Wenn es nun heisst, sie hätten sich auf die Ziele verpflichtet, ist das das eine. Aber das andere ist: Es ist niemand da, der das kontrolliert.

Es ist ja nicht die Aufgabe der UNO oder der Agenda 2030, sondern jedes einzelnen Landes, die Ziele zu erreichen und dabei auch international zusammenzuarbeiten. Zielt Ihre Kritik mithin nicht am eigentlich wunden Punkt vorbei – nämlich, dass die Länder selbst viel zu wenig tun?

Wir sagen nicht, die UNO sei schuld. Sie hat die Idee angestossen und den Rahmen dafür geboten. Die Verantwortung liegt bei den Ländern – wobei man zwischen Ländern und Regierungskräften unterscheiden muss. Strategisch wäre es deshalb wichtig gewesen, man hätte die Commons in die SDGs miteinbezogen, also das kollektive Eigentum von Ressourcen, wie es früher weltweit in verschiedenen Formen sehr verbreitet war. So hätte man die Möglichkeit, die Regierungen bei der Umsetzung der Agenda 2030 zu fragen: Wie bindet ihr diese lokalen Nutzer ein? Anerkennt ihr deren Ressourcenrechte und -regelwerke sowie den Umstand, dass sie Kulturlandschaften unterhalten? Oder auch: Wie zeigt ihr ihnen, dass es für sie von Vorteil ist, an der Umsetzung der Nachhaltigkeitsziele mitzuarbeiten im Sinne einer ernst gemeinten Partizipation? Davon fehlt jedoch jede Spur.

Das ist umso irritierender, als der Nobelpreis für Wirtschaft noch 2009 an Elinor Ostrom ging, die wissenschaftlich belegte, dass die Menschen vor Ort schon immer in der Lage waren, Regelwerke für die nachhaltige Bewirtschaftung lokaler Ressourcen zu schaffen.

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«Die Commons-Forschung hätte einen wesentlichen Beitrag leisten können, um die Bewältigung unserer Krisen anzupacken»

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Ist das also der Kern Ihrer Kritik: die Nicht-Beachtung eines Zweigs der Nachhaltigkeitsforschung?

Das ist einer. Der andere ist, dass wir in einer unglaublichen Umwelt- und Entwicklungskrise stecken und dringend Ansätze brauchen, um sie zu bewältigen. Hier hätte die Commons-Forschung einen wesentlichen Beitrag leisten können. Denn die Frage: «Wie kommt es, dass die Ressourcen heute völlig übernutzt sind, wo man früher von "Land, wo Milch und Honig fliessen" sprach?», hat sehr viel mit der Entwendung von Lebensgrundlagen und der Entwendung der Verantwortung dafür zu tun, die seit der Kolonialzeit betrieben wird.

Sind Commons wirklich das Wundermittel, um die weltweiten Krisen zu lösen und eine nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten?

Commons sind kein Allheilmittel. Aber es ist die Möglichkeit, dass sich eine breitere Gruppe von Menschen arrangieren muss. Und zwar über die Spielregeln einer Ressourcennutzung, die nicht auf unmittelbaren Profit zielt, sondern auf den Erhalt von Lebensgrundlagen, die man weiteren Generationen übergibt. Selbst wenn dabei die Verteilung und Verantwortung nicht immer absolut fair ist, ist sie doch breiter abgestützt und ausgeglichener, als wenn es Privateigentum ist.

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«Die Commons erbringen wichtige Ökosystemleistungen, die für die Erreichung der SDGs zentral sind»

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Letztes Jahr veröffentlichten Sie ein Buch zu den Commons in der Schweiz. Darin kommen Sie unter anderem zum Schluss, diese hielten auch international Lehren für die partizipative Bewirtschaftung von Land und Ressourcen bereit. Hierzulande ist die Mehrheit der Bevölkerung jedoch davon ausgeschlossen.

Man darf Commons nicht glorifizieren – sie können ausschliessend sein. In unserer Forschung haben wir aber festgestellt, dass Ausgeschlossene immer wieder integriert werden müssen, weil sie eine politische Kraft darstellen. In der Schweiz versuchen inzwischen einige Burgergemeinden und Korporationen, sich neuen Mitglieder zu öffnen. Das ist gar nicht so einfach, weil die Produkte aus der Wald- und Weidewirtschaft nicht mehr so gefragt sind und es fast keine Leute mehr gibt, die in diesem Sektor arbeiten wollen.

Die Commoners erbringen aber mit dem Unterhalt der Kulturlandschaften wichtige Ökosystemleistungen, die für die Erreichung der SDGs zentral sind, wie Biodiversität, Energie, Klima. In der Schweiz zum Beispiel befinden sich mindestens ein Drittel aller Weiden und Wälder in kommunalem Besitz. Nur schon deshalb könnte die Schweiz diese in ihre Umsetzungspläne aufnehmen, was auch ein Zeichen für den globalen Süden wäre. Denn während die Commons hierzulande abgesichert sind, existiert diese Sicherheit im globalen Süden überhaupt nicht.

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«Aufgrund der kumulierten Datenlage fanden wir: Jetzt müssen wir einmal laut schreien»

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Die Privatwirtschaft spielt bei den Commons keine wesentliche Rolle. Sie ist jedoch eine wichtige Mitverursacherin dieser Krisen. Entlasten Sie nicht einfach den Privatsektor von seiner Verantwortung?

Direkt kommt der Privatsektor im Commons-Modell nicht vor, indirekt schon. Denn Private investieren in Regionen, die ursprünglich einer breiten Bevölkerungsgruppe gehörten. In einigen Forschungsprojekten, in denen wir Grossinvestitionen untersucht haben, wurden für die Commons weder richtige Kompensationszahlungen geleistet, noch hat man Versprechungen punkto Jobs oder anderen Beiträgen zu einer nachhaltigen Entwicklung eingehalten. Das geht so weit, dass es heute Projekte gibt, die vorgeben, im Sinne der SDGs zu handeln, tatsächlich aber einfach ihr Ding machen. Wir haben das unter anderem in Marokko gesehen: Bei einem grossen Solar-Projekt verlor die Bevölkerung ihr Weideland, worunter vor allem auch Frauen und Nomadengruppen zu leiden hatten. Aber sie erhielten dafür weder Strom noch das versprochene Geld. Da sind zum Teil Grosskonzerne involviert, die man zur Verantwortung ziehen muss.

Für solche Entwicklungen, die wir als Commons Grabbing bezeichnen, verfügen wir inzwischen über eine kumulierte Datenlage. Verglichen mit dem, was in den SDGs steht, liegt diese derart schief in der Landschaft, dass wir bei unserem Beitrag fanden: Jetzt müssen wir einmal laut schreien und darauf hinweisen, dass lokale, alternative Sichtweisen und Praktiken punkto nachhaltiger Entwicklung existieren.

Zur Publikation

Workshop zum Thema

Am 13. Juni, von 12.15 bis 13.45, findet mit Tobias Haller, dem Ko-Autor der Publikation «Sanctioning Disciplined Grabs (SDGs): From SDGs as Green Anti-Politics Machine to Radical Alternatives?» ein öffentlicher Online-Workshop zum Thema «The commons as the great absent in the SDGs» statt. Dieser ist eingebettet in eine Workshop-Serie anlässlich der Jahreskonferenz 2022 von SUDAC und KFPE.

Halbzeit bei der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung

2015 haben die UNO-Mitgliedsstaaten die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung verabschiedet. Wie sieht der Stand der Umsetzung bei Halbzeit aus? Ist eine Pause angesagt oder braucht es mehr Tempo in der verbleibenden Zeit? In einer kleinen Interviewserie gehen wir diesen Fragen nach und beleuchten einige der Diskussionspunkte aus wissenschaftlicher Sicht.


WEITERFÜHRENDE LEKTÜRE

Haller, T, Ngutu, M, Käser, F. (2020). "Does Commons Grabbing lead to Resilience Grabbing? The Anti-Politics Machine of Neo-Liberal Agrarian Development and Local Responses", Special issue LAND, published also as book

Gerber, JD, Haller, T. (2021). "The drama of the grabbed commons: anti-politics machine and local responses", The Journal of Peasant Studies, 48:6, 1304-1327

Haller, T, Liechti, K, Stuber, M, Viallon, FX, Wunderli, R. (eds.). (2021). "Balancing the Commons in Switzerland: Institutional Transformations and Sustainable Innovations", Routledge. London.