Über die Hälfte der Mahlzeiten in der Schweiz werden ausser Haus konsumiert. Damit haben Gemeinschaftsverpflegung und Gastronomie als grosse Abnehmer von Lebensmitteln einen beachtlichen Einfluss auf die landwirtschaftliche Produktionsweise und Verarbeitung. Aktuell beziehen die Abnehmenden aus dem Gastronomiebereich mehrheitlich konventionell produzierte Nahrungsmittel aus grossen Handelskanälen, meist ungeachtet der Herkunft.
Das im Bundesprogramm «Modellvorhaben Nachhaltige Raumentwicklung (MoVo) 2025 – 2030» vom CDE durchgeführte Projekt greift diese Problematik auf und zielt darauf ab, die Region rund um Biel vom Jura bis zum Seeland sowie das Berner und Solothurner Mittelland als Vorbildregion für ein nachhaltiges Ernährungssystem aufzubauen (siehe Karte).
Regionale Wertschöpfungsketten als Schlüssel für nachhaltige Ernährung
Im Zentrum des Projekts steht die Erhöhung des Anteils nachhaltig und standortgerecht produzierter Lebensmittel, die von Gemeinschaftsverpflegungen und Gastronomiebetrieben in der Region bezogen werden. Dadurch sollen die Absatzmöglichkeiten für lokale Produzierende und Verarbeitungsbetriebe erweitert und über eine erhöhte Nachfrage indirekt eine nachhaltigere Produktion in der Region gefördert werden.
Das Projekt baut auf bestehenden Initiativen auf und setzt auf die Stärkung regionaler Wertschöpfungsketten. Ein gutes Beispiel sind die Aktivitäten der Stadt Biel, die seit 2023 ihr «Bieler Reglement für gesunde Ernährung» umsetzt. Die daraus abgeleiteten schweizweit einzigartigen und ambitionierten Anforderungen an Nachhaltigkeit und Regionalität sehen vor, dass die Lebensmittel in der öffentlichen Gemeinschaftsverpflegung zu 60 bis 100 Prozent biologisch sein müssen und aus einem Umkreis von maximal 35 Kilometern rund um Biel stammen.
Die Umsetzung neuer Anforderungskriterien stellen Gemeinschaftsverpflegungen oft vor grosse Herausforderungen, da teils die benötigten regionalen Wertschöpfungsketten erst aufgebaut werden müssen. Eine erfolgreiche Umsetzung des Bieler Reglements kann andere Gemeinden ermutigen, stärker auf Nachhaltigkeit und Regionalität zu setzen. Damit verbunden ist auch die Chance, junge oder neue regionale Vertriebssysteme im Projektperimeter zu fördern, die Gemeinden mit Gemeinschaftsverpflegung und dem Gastrobereich der Projektregion nutzen können.
Gemeinsam Wissen schaffen und Lösungen entwickeln
Methodisch verfolgt das Projekt einen stark transdisziplinären Ansatz. Durch Analysen und partizipative Workshops sollen bestehende Strukturen und Defizite im regionalen Ernährungssystem erfasst, Herausforderungen identifiziert und tragfähige Lösungen gemeinsam mit den Projektpartnern und Akteur*innen entlang der Wertschöpfungskette entwickelt werden.
Die wissenschaftliche Begleitung und Arbeit umfassen:
- Analyse des Ist-Zustands der Umsetzung des Bieler Reglements, um die Anforderungskriterien weiter zu optimieren und die Erfahrungen aus Biel für andere Regionen nutzbar zu machen;
- Analyse der Potenziale und Grenzen der regionalen Produktions- und Vermarktungssysteme;
- Vernetzung und Erfahrungsaustausch mit und unter den Akteur*innen; Klärung der grössten Herausforderungen und Hindernisse beim Aufbau neuer, regionaler Wertschöpfungsketten sowie Co-Kreation von neuem, praxisrelevantem Wissen für Lösungsstrategien;
- Verbreitung der Resultate unter anderem über Ratgeber zum Aufbau neuer regionaler Wertschöpfungsketten sowie für die Beschaffung und Förderung nachhaltiger und regionaler Lebensmittel.
Kantonsübergreifender Perimeter
Das Projekt konzentriert sich auf eine Region im Umkreis von 35 km rund um die Stadt Biel, angelehnt an das Bieler Reglement für gesunde Ernährung. Der Fokus liegt darauf, den Einsatz nachhaltig und standortgerecht produzierter Lebensmittel in allen Städten und Gemeinden der Projektregion zu fördern und Synergien zwischen bestehenden und neu aufgebauten Wertschöpfungsketten zu erschliessen.
Mit ihren sehr unterschiedlichen und vielfältigen Standortbedingungen sowie einem noch vorhandenen traditionellen Verarbeitungshandwerk bietet diese Modellregion ideale Voraussetzungen für eine diversifizierte Produktion. Diese kann den Mengenbedarf an den benötigten, regionalen Lebensmitteln für Gemeinschaftsverpflegung und Gastronomie in der Region mehrheitlich decken. Insgesamt tangiert der Projektperimeter sechs Kantone: Bern, Freiburg, Jura, Neuchâtel, Solothurn und die Waadt.