Free Days for Future?

Die gängigen Arbeits- und Konsummodelle in wohlhabenden Ländern untergraben die sozialen und ökologischen Grundlagen. Befürwortende einer kürzeren Erwerbsarbeitszeit verweisen auf eine mögliche dreifache Dividende durch weniger Arbeit. Wie aber könnten reduzierte Wochenarbeitszeiten unserem Wohlbefinden, der Wirtschaft und der Natur zugutekommen? Und mit welchen Massnahmen liesse sich eine solche Vision verwirklichen? Gestützt auf internationale Erkenntnisse und Erfahrungen empfiehlt ein CDE-Forschungsteam mögliche Wege von der derzeit in der Schweiz üblichen Wochenarbeitszeit zu einem neuen Status quo, der unseren Bedürfnissen, denen anderer – und des Planeten – besser gerecht werden könnte.

Foto: TJ Blackwell

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Kernbotschaften

  • Um unsere Gesellschaften ökologischer, glücklicher und gerechter zu machen, braucht es zahlreiche Strategien. Ein vielversprechender Ansatz für wohlhabende Industrieländer ist – neben anderen Reformen – die Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit.
  • Weniger zu arbeiten kann unser Wohlbefinden steigern, Stress reduzieren und das Risiko eines Burnouts senken. Die neu gewonnene Zeit bietet Raum für Reflexion, soziale Beziehungen und bereichernde Aktivitäten – und sie kann einen umweltfreundlicheren Lebensstil mit einem kleineren ökologischen Fussabdruck unterstützen.
  • Kürzere Wochenarbeitszeiten können zudem helfen, die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu stärken und die Erwerbsarbeit besser auf die Arbeitenden zu verteilen, wodurch die Zahl der Arbeitslosen sinkt.
  • Die Menschen sollten ihre bezahlte Arbeitszeit möglichst flexibel und im Einklang mit den eigenen Bedürfnissen einteilen können. Dazu braucht es Massnahmen, die es allen ermöglichen, weniger zu arbeiten, wenn dies ihre Lebensqualität verbessert.

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Wenn die gegenwärtige pandemiebedingte Krise einmal unter Kontrolle ist, wird es zweifellos erheblichen Druck geben, zu etwas wie «business as usual» zurückzukehren. Für die meisten Arbeitnehmenden in wohlhabenden Ländern hiesse das die Rückkehr zu einem Leben, das von Überarbeitung, hohem Stress und langen Pendelfahrten geprägt ist – und zum damit verbundenen übermässigen materiellen Konsum. Doch diese Option können wir uns nicht leisten. Sollen unsere Gesellschaften noch in diesem Jahrhundert gesünder, glücklicher und gerechter werden, müssen wir unsere Prioritäten überdenken, unseren Lebensstil ändern und herkömmliche Systeme neu gestalten. Dazu gehören nicht zuletzt unsere Vorstellungen von Arbeit, Entlohnung und Erholung.

Eine Erfindung der Industriegesellschaft: die Wochenarbeitszeit

Die Wochenarbeitszeit von vierzig oder mehr Stunden gibt es schon so lange, dass leicht vergessen geht, dass sie eine menschliche Erfindung ist – und jederzeit verändert werden könnte. Im Jahr 1926 führte Henry Ford nach langjährigen Anstrengungen seitens der Gewerkschaften in seinen amerikanischen Automobilwerken erstmals eine Fünftagewoche ein. Ein paar Jahre später folgte der Getreideflockenhersteller Kellogg’s mit dem Sechsstundentag.1 Diese Reformen, damals noch Kürzungen der Erwerbsarbeitszeit, wurden von den Arbeitnehmenden weitgehend unterstützt und begrüsst – insbesondere weil die Durchschnittslöhne und ‑gehälter hoch genug blieben.

Foto: Cosic S (2013). Factory Whistle at Sunshine Harvester Works in Museums Victoria Collections


Insgesamt zeigen die globalen Zahlen einen starken Rückgang der Erwerbsarbeitszeiten von 1870 bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts. In Frankreich beispielsweise sank die jährlich pro Kopf geleistete Erwerbsarbeitszeit in diesem Zeitraum von 2’945 auf 1’848 Stunden. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg – im so genannten goldenen Zeitalter des Kapitalismus – ging die durchschnittliche Arbeitszeit weiter zurück, wenn auch weniger stark: Von 1950 bis 1980 sank die durchschnittliche Zahl der geleisteten Stunden pro Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer in der OECD um weitere 18 Prozent.2 Die Schweiz reduzierte ihre Standardarbeitswoche zwischen 1950 und 1990 nach und nach von 50 auf 42 Stunden.3

In den meisten Ländern kam diese schrittweise Bewegung hin zu mehr Freizeit und einer besseren Work-Life-Balance jedoch gegen Ende des 20. Jahrhunderts zum Stillstand. Seither hat eine Kombination aus wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungen dazu geführt, dass die gesellschaftliche Norm von acht Stunden pro Tag und fünf Tagen pro Woche unverrückbar scheint, selbst wenn sie den Bedürfnissen vieler Menschen nicht gerecht wird – und unter dem Strich nicht einmal unbedingt der Wirtschaft nützt.

Fortschritt unterbrochen

Technologische Fortschritte und besser qualifizierte Arbeitskräfte haben nicht den grossen Freizeitgewinn gebracht, den John Maynard Keynes und andere Ökonomen des 20. Jahrhunderts für unsere Zeit vorausgesagt haben.4 Keynes hatte erwartet, dass heute nur noch fünfzehn Stunden pro Woche gearbeitet würde. Doch stattdessen ist das heutige Wirtschaftssystem so ausgerichtet, dass Produktivitätsgewinne in immer mehr materiellen Ausstoss und grössere Gewinne umgewandelt werden, einschliesslich der Kapitalgewinne für die bereits Reichen. Diese einseitige Ausrichtung verhindert eine Verringerung der Standardarbeitszeit für durchschnittliche Arbeitnehmende. Eine aktuelle OECD-Studie in 24 Ländern zeigt, dass sich das Wachstum der mittleren Reallöhne zwischen 1995 und 2015 effektiv vom Wachstum der Arbeitsproduktivität entkoppelt hat.5

Ein neues Feudalsystem

Vor 1980 waren die Früchte von Produktivitätssteigerungen relativ gleichmässig über die Gesellschaft verteilt, wobei die Einkommen stiegen und die durchschnittlichen Erwerbsarbeitszeiten für grosse Teile der Bevölkerung sanken. In jüngerer Zeit jedoch werden die Gewinne aus Produktivitätssteigerungen zunehmend von einigen Wenigen abgeschöpft, während immer mehr Menschen gezwungen sind, prekäre Arbeitsbedingungen, stagnierende Löhne, längere Arbeitszeiten oder mehrere Jobs sowie mehr Stress und Burnouts zu ertragen.6 Das Gefühl der Arbeitnehmenden, «rennen zu müssen, um an Ort zu bleiben» widerspiegelt die Tatsache, dass der Anteil der Erwerbsarbeit am Volkseinkommen seit den 1990er Jahren erwiesenermassen stetig sinkt.7 Die Schweiz ist von diesen Trends der zunehmenden Ungleichheit und der extremen Vermögenskonzentration nicht ausgenommen.8 Jüngste Zahlen zeigen, dass die reichsten 10 Prozent des Landes 75 Prozent des gesamten Vermögens besitzen.9

Süchtig nach Wachstum

Doch trotz dieser kontinuierlichen Umverteilung von Wohlstand von unten nach oben hat sich bei den etablierten Wirtschaftspolitikerinnen und Wirtschaftspolitikern wenig geändert: Das Streben nach einem immer grösseren Bruttoinlandsprodukt (BIP) gilt nach wie vor als oberstes Gebot. Seit Jahrzehnten dominiert die Vorstellung, dass ein kontinuierliches Wachstum des BIP nicht nur das Wohlergehen einer Mehrheit der Menschen verbessert, sondern auch – und das ist entscheidend – die mit diesem Wachstum verbundenen Schäden ausreichend kompensiert. Diese Ideologie hat sich weltweit besonders in ökologischer Hinsicht als gravierend erwiesen: Aktuelle Daten zeigen, dass das globale Wirtschaftswachstum die natürlichen Ressourcen weitaus schneller verbraucht und die Umwelt schneller mit Schadstoffen – einschliesslich Treibhausgasen – belastet, als dass neue Technologien dies wettmachen könnten.10 Auch auf der persönlichen Ebene ist der Zusammenhang zwischen Einkommenswachstum und Wohlbefinden nicht eindeutig. Eine Studie mit Daten von über 1,7 Millionen Menschen weltweit hat gezeigt: Mehr Geld jenseits eines bestimmten Einkommensniveaus – in Westeuropa z.B. jenseits eines jährlichen Haushaltsäquivalenzeinkommens von 100’000 USD – macht die Menschen nicht glücklicher.11

Schaden durch Überarbeitung

In ähnlicher Weise können ab einem bestimmten Beschäftigungsniveau die echten Vorteile der Arbeit als Tätigkeit an sich – etwa ein Gefühl von Selbstwirksamkeit und Identität12 – durch Stress, Mangel an Zeit für Beziehungen und andere sinnvolle Aktivitäten sowie die damit verbundenen Krankheiten zunichte gemacht werden. In der Schweiz betrug der Produktivitätsverlust aufgrund stressbedingter Erkrankungen wie Depressionen und Burnouts 2018 insgesamt 6,5 Milliarden Franken.13 Und laut Forschungsumfragen wünschen sich etwa 30 Prozent der Arbeitnehmenden in europäischen Ländern (einschliesslich der Schweiz), weniger zu arbeiten – auch um ihr Stressniveau zu senken.14

Dogma der Lohnarbeit

Bezahlte Arbeit ist ein Grundpfeiler der heutigen Marktwirtschaft – und gleichzeitig eine Achillesferse. Insbesondere in reichen Ländern wurden fremdversorgte, konsumbasierte Systeme aufgebaut, in denen bezahlte Arbeit – als einzige oder wichtigste Einkommensquelle der meisten Menschen – der wesentliche bestimmende Faktor ist für den Lebensunterhalt und die soziale Sicherheit,15 aber auch für die soziale Akzeptanz und die Erfüllung anderer essenzieller psychologischer Bedürfnisse.16 Unter diesem Paradigma wird die Abhängigkeit von der Schaffung und Aufrechterhaltung bezahlter Arbeitsplätze routinemässig dazu benutzt, unaufhörliches, umweltzerstörerisches Wirtschaftswachstum zu rechtfertigen.

Angesichts dieser Tatsachen wird deutlich, dass Nachhaltigkeit in wohlhabenden Ländern nur zu erreichen ist, wenn die Menschen ihr Verhältnis zur Erwerbsarbeit grundlegend verändern.

Foto: TJ Blackwell


Die dreifache Dividende einer kürzeren Wochenarbeitszeit

«Die Krise besteht gerade darin, dass das Alte stirbt und das Neue nicht geboren werden kann; in diesem Interregnum kommt es zu den unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen» – Antonio Gramsci

Krisen bieten oft die Gelegenheit, allgemein verbreitete Überzeugungen zu hinterfragen,17 welche die gesellschaftliche Weiterentwicklung behindern – oder die Menschen gar krank machen. Schon lange vor der Pandemie wiesen viele vorausschauende Beobachterinnen und Beobachter auf die Notwendigkeit systemischer Veränderungen bei Produktion und Konsum hin.18 Doch um zu einer ökologischeren, gerechteren und glücklicheren Gesellschaft zu werden, braucht es eine ganze Reihe von Strategien. Eine kürzere Wochenarbeitszeit ist eine solche Strategie, die sich transformativ auswirken könnte. Studien weisen darauf hin, dass die Gesellschaften der Industrieländer in den Genuss einer dreifachen Dividende kommen könnten – also eines gleichzeitigen sozialen, ökonomischen und ökologischen Nutzens – wenn die Menschen weniger Zeit mit Erwerbsarbeit verbringen.

Soziale Dividende: Weniger arbeiten für ein gesünderes und glücklicheres Leben

Von 2015 bis 2017 testeten Pflegefachkräfte in Göteborg, Schweden, eine Dreissigstundenwoche. Die Ergebnisse waren grösstenteils positiv: Die Pflegenden meldeten weniger Krankheitsstunden und berichteten über ein besseres körperliches und mentales Wohlbefinden. Nachdem die wöchentliche Standardarbeitszeit zwischen 1996 und 2002 in Portugal von 44 auf 40 Stunden und in Frankreich von 39 auf 35 Stunden reduziert worden war, wurde bei Arbeitnehmenden ein Anstieg der Arbeitszufriedenheit und des Freizeitgenusses beobachtet.19 Wenn Arbeitnehmende ihre neu gewonnene Freizeit auf eine Weise verbringen, die positive Emotionen und Wohlbefinden hervorruft, ohne der Umwelt zu schaden – beispielsweise mit Sport, Gartenarbeit, der Pflege von sozialen Kontakten oder gemeinschaftlichem Engagement – kann die Verbesserung des Wohlbefindens und der Gesundheit nach einer Erwerbsarbeitszeitverkürzung besonders ausgeprägt ausfallen.20

Wirtschaftliche Dividende: breit geteilte, stabile, ökologischere Beschäftigung

Eine stets steigende Arbeitsproduktivität bedeutet, dass von Jahr zu Jahr weniger Menschen benötigt werden, um die gleiche Menge an Waren und Dienstleistungen zu produzieren. Im derzeitigen profit- und wachstumsorientierten System führt diese Dynamik typischerweise zu einem Verlust von Arbeitsplätzen, es sei denn, unsere Volkswirtschaften expandieren insgesamt weiter. Anders sähe es aus, wenn man sich dafür entscheiden würde, statt der Arbeitsproduktivität die Ressourcenproduktivität (z.B. saubere Energieinfrastruktur) stärker zu gewichten und gleichzeitig die Beschäftigung in menschenzentrierten, ressourcenleichten Sektoren (z.B. «Care»-Arbeit, Bildung oder Kunst) auszuweiten: So liesse sich gesellschaftlich nützliche bezahlte Arbeit breiter und fairer verteilen und gleichzeitig die Standardwochenarbeitszeit insgesamt reduzieren. Dies würde mit grosser Wahrscheinlichkeit auch die wirtschaftlich vorteilhafte Gleichstellung der Geschlechter verbessern, da Frauen derzeit den grössten Teil der Last unbezahlter Arbeit (z.B. Kinderbetreuung) und unfreiwilliger Unterbeschäftigung tragen.21

Adieu Hamsterrad, hallo Zeitwohlstand: Wer weniger arbeitet, kann das Klima schützen und zufriedener leben (ProClim Flash 72). Illustration: Hannah Ambühl/ProClim/SCNAT


Ökologische Dividende: Weniger arbeiten, um unseren Planeten zu schützen

Es besteht ein Zusammenhang zwischen längeren Arbeitszeiten und höheren Einkommen  sowie grösseren, schädlicheren ökologischen Fussabdrücken – sowohl beim Vergleich von Ländern als auch beim Vergleich von Einzelpersonen innerhalb eines Landes.22 Besonders deutlich wird dies am Beispiel des Jetsets: Viele der Superreichen haben einen ökologischen Fussabdruck, der hundert- oder tausendmal grösser ist als der eines Durchschnittsmenschen.23 Tatsächlich führen Personen, die weniger verdienen, oft ein ökologisch nachhaltigeres Leben – auch wenn sie sich selbst nicht als besonders umweltbewusst einschätzen.24 Sie fliegen weniger,25 fahren weniger Auto,26 leben in kleineren Wohnungen und konsumieren generell weniger.27 Und bei einer Arbeitszeitreduktion liesse sich die freigewordene Zeit nutzen, um das eigene Konsumverhalten zu ändern – zum Beispiel, indem Gegenstände (z.B. Handys) repariert statt ersetzt, bestimmte Konsumgüter (z.B. Haushaltsgeräte) geteilt statt allein besessen, oder Mahlzeiten selbst gekocht statt fertig gekauft würden.28

Eine kürzere Wochenarbeitszeit für die Schweiz

Unsere Gesellschaft ist möglicherweise noch nicht so weit, dass sich Keynes’ Vision einer Fünfzehnstundenwoche erfüllen liesse, aber die Zeit ist reif für einen weiteren grösseren Schritt in diese Richtung. Verkürzte Erwerbsarbeitszeiten – z.B. die Viertagewoche – wurden in Ländern wie Schweden, Deutschland und Neuseeland erfolgreich getestet. Frankreich, die Niederlande und Belgien verabschiedeten unlängst Gesetze zur Erwerbsarbeitszeitverkürzung. Deutschlands grösste Gewerkschaft und Europas grösste Industriegewerkschaft, die IG Metall, hat 2018 eine Option für eine 28-Stunden-Woche ausgehandelt. Angesichts dieser Erfahrungen sowie der Nachweise, dass mehr Geld ab einem bestimmten Niveau die Menschen nicht glücklicher, sondern ihre Lebensstile umweltschädlicher macht, empfiehlt sich, die Standardarbeitswoche in der Schweiz nach und nach beispielsweise um bis zu einen Tag zu verkürzen. Wichtig ist, dass dies mit einer Formel für einen Einkommensausgleich kombiniert wird (siehe Grafik), der allen Arbeitnehmenden trotz reduzierter Erwerbsarbeit ein würdiges, zufriedenstellendes Leben sichert. Schrittweise politische Massnahmen könnten helfen, dieses Ziel zu verwirklichen (siehe unten «Anregungen zur Umsetzung»).

Schweizer Haushaltsdaten zeigen: Besserverdienende – und insbesondere die Reichsten unter ihnen – verursachen mehr Treibhausgasemissionen (schwarze Linie), während der Besitz von mehr Geld die Menschen ab einem bestimmten Schwellenwert nicht signifikant glücklicher macht (orange Linie). Aufgrund dieser empirischen Befunde empfiehlt sich die Einführung eines abgestuften Einkommensausgleichs für reduzierte Arbeitszeiten, wobei Personen mit einem Verdienst unterhalb des Medianlohns ihre Arbeitszeit ohne Lohneinbusse reduzieren könnten (voller Lohnausgleich), während Personen mit einem Verdienst oberhalb des Medians weniger Lohn erhielten, wenn sie weniger Stunden arbeiten.(29) Grafik: Christoph Bader


ANREGUNGEN ZUR UMSETZUNG

Günstige Voraussetzungen für kürzere Erwerbsarbeitszeiten schaffen

Unabhängige Initiativen von Einzelpersonen, Gruppen, Arbeitnehmenden und Arbeitgebenden können aufzeigen, was alles möglich ist, und andere dazu motivieren, ebenfalls kürzere Erwerbsarbeitszeiten zu testen.30 Gleichzeitig muss aber auch eine breitere gesellschaftliche Diskussion darüber stattfinden, was wir als Gesellschaft punkto Verhältnis von Erwerbsarbeitszeit zu verfügbarer Zeit für andere lebenswichtige und bereichernde Aktivitäten als «normal» oder wünschenswert erachten. Diese Diskussion sollte eine kritische Auseinandersetzung mit arbeitsbezogenen Geschlechterstereotypen beinhalten. Neue, fortschrittliche staatliche Massnahmen sollten die Rahmenbedingungen für eine Erwerbsarbeitszeitreduktion verbessern – und insbesondere Benachteiligungen aufgrund von Teilzeitarbeit beseitigen (z.B. reduzierte Rentenleistungen, geringere Chancen auf beruflichen Aufstieg). Und schliesslich braucht es mehr Forschung dazu, wie man Erwerbsarbeitszeitreduktionen fördern und unterstützen kann, die gleichermassen das Wohlbefinden verbessern und umweltfreundliches Verhalten begünstigen.

Rahmenbedingungen fördern, die es den Menschen ermöglichen, weniger zu arbeiten

Die Umstellung auf eine kürzere Standardarbeitswoche wird wahrscheinlich schrittweise Veränderungen erfordern.31 Zu diesem Zweck müssen die damit verbundenen Rahmenbedingungen gestärkt und erweitert werden:

  • Teilzeitorientierte Strukturen implementieren, beispielsweise flache Hierarchien, Rechte auf Teilzeitarbeit und/oder Jobsharing – auch in Führungspositionen – und flexible Arbeitsmodelle zugunsten der Mitarbeitenden. Eine Anpassung des Steuersystems hin zu einer Individualbesteuerung könnte Hemmnisse für Teilzeitarbeit beseitigen.32
  • Einen variablen «Lebensverlaufs-Ansatz» mit individuellen Zeitrechten einführen, mit denen die Menschen ihre Arbeitsstunden pro Woche und Arbeitstage pro Jahr – sowie Karrierepausen und das Renteneintrittsalter – nach ihren Lebensbedürfnissen und -wünschen flexibel anpassen können.33 Innerhalb dieses Ansatzes sollte der bezahlte Eltern- und Pflegeurlaub ausgeweitet werden – zum Beispiel in Anlehnung an Schwedens 16-monatiges Elternurlaubsgesetz oder die Regelung der Niederlande, wonach Arbeitnehmenden mindestens 70 Prozent ihres üblichen Gehalts erhalten, wenn sie eine Auszeit nehmen, um kranke Familienmitglieder zu pflegen.
  • Die Option anbieten, weniger zu arbeiten, statt mehr Lohn zu erhalten, wie dies bereits in verschiedenen Industriezweigen in Deutschland und Österreich möglich ist.34
  • Die Möglichkeiten erweitern, Auszeiten zu nehmen für sozial und ökologisch relevante Tätigkeiten, wie etwa in der Schweiz, wo Menschen unter 30 einen einwöchigen (unbezahlten) Urlaub nehmen können, um sich in der Jugendarbeit zu engagieren.

Eine kürzere Wochenarbeitszeit für alle anstreben – mit Garantien für Arbeit und ein existenzsicherndes Einkommen

Der öffentliche Sektor könnte als Vorreiter für kürzere Wochenarbeitszeiten fungieren. Ein auftragsorientierter, explorativer Ansatz würde es ermöglichen, die Bedingungen (z.B. das Einkommensniveau) zu ermitteln, unter denen die Vorteile von weniger Erwerbsarbeit mögliche Nachteile (z.B. Rebound-Effekte) überwiegen. Entsprechende Ansätze sollten in einen Rahmen eingebettet sein, der einen abgestuften Einkommensausgleich für reduzierte Erwerbsarbeitszeiten vorsieht, um ein würdiges, zufriedenstellendes Leben für alle innerhalb der ökologischen Grenzen zu gewährleisten. Bemerkenswert: Erste Analysen deuten darauf hin, dass sich Massnahmen zur Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit letztlich durch die Reduktion gesundheitlicher und sozialer Kosten infolge von Überarbeitung selbst finanzieren könnten.35

STUDIENERGEBNISSE ZU ERWERBARBEITSZEITREDUKTIONEN IN DER SCHWEIZ

Ein Forschungsteam des CDE hat mit finanzieller Unterstützung der Stiftung Mercator Schweiz die Umstände untersucht, unter denen eine Erwerbsarbeitszeitreduktion einen nachhaltigeren Lebensstil ermöglichen kann (Bader, Hanbury, Neubert, Moser 2020). Über einen Zeitraum von 10 Monaten beobachteten die Forschenden 800 Teilnehmende. Diese waren in zwei Gruppen aufgeteilt: Eine Gruppe reduzierte ihre Wochenarbeitszeit, die andere Gruppe behielt sie bei. Die Auswertung führte zu den folgenden Ergebnissen: 1) Personen, die ihre Arbeitszeit reduzierten, zeigten kurzfristig ein höheres Wohlbefinden und längerfristig ein geringeres Burnout-Risiko. 2) Jene mit längeren Arbeitszeiten wiesen ein höheres Mass an umweltschädlichem Verhalten auf, insbesondere mehr Pendeln, allgemein mehr Auto- und Flugreisen sowie einen höheren Kleidungskonsum. 3) Nach der Reduktion ihrer Erwerbsarbeitszeit zeigten die Teilnehmenden ein höheres Mass an umweltbewusstem Verhalten und weniger Pendeln. Andere Verhaltensweisen mit hohen Umweltauswirkungen (Wohnen, allgemeine Mobilität) waren resistenter gegenüber Veränderungen.

Bader C, Hanbury H, Neubert S, Moser S. 2020. Weniger ist mehr: Der dreifache Gewinn einer Reduktion der Erwerbsarbeitszeit. CDE Working Paper 6.

Hanbury H, Bader C, Moser S. 2019. Reducing working hours as a means to foster low(er)-carbon lifestyles? An exploratory study on Swiss employees. Sustainability 11(7):2024.

Hanbury H, Bader C, Neubert S, Moser S. 2020. Reduktion der Erwerbsarbeitszeit – aber wie umsetzen? Ökologisches Wirtschaften 4.

Bader C, Allheilig G. 2020. Wir brauchen grundsätzlich eine andere Art des Wirtschaftens. CDE Spotlight.

1 Hunnicutt BK. 1992. Kellogg’s six-hour day: A capitalist vision of liberation through managed work reduction. The Business History Review 66(3):475–522. https://doi.org/10.2307/3116979

2 Schor JB. 2005. Sustainable consumption and worktime reduction. Journal of Industrial Ecology 9(1–2):37–50. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/pdf/10.1162/1088198054084581

3 Siegenthaler M. 2015. Has Switzerland really been marked by low productivity growth? Hours worked and labour productivity in Switzerland in a long-run perspective. Review of Income and Wealth 61(2):353–372. https://doi.org/10.1111/roiw.12120

4 Keynes JM. 2010. Economic possibilities for our grandchildren. In: Keynes JM, Hrsg. Essays in Persuasion. London: Palgrave Macmillan, S. 321–332. https://doi.org/10.1007/978-1-349-59072-8_25

5 OECD. 2018. Decoupling of wages from productivity: What implications for public policies? OECD Economic Outlook 2018(2):51–65. https://doi.org/10.1787/eco_outlook-v2018-2-3-en

6 Mäder U, Schmassmann H. 2013. Zur Dynamik der Erwerbsarbeit. In: Gurny R, Tecklenburg U, Hrsg. Arbeit ohne Knechtschaft: Bestandesaufnahmen und Forderungen rund um das Thema Arbeit. Zürich: Edition 8, S. 236–248. https://www.denknetz.ch/wp-content/uploads/2017/07/maeder_strassmann.pdf

Standing G. 2011. The Precariat: The New Dangerous Class. London, UK: Bloomsbury Academic. https://eprints.soas.ac.uk/15711/1/Policy%20Network%20article,%2024.5.11.pdf 

7 ILO, OECD. 2015. The Labour Share in G20 Economies. Antalya: ILO and OECD. https://www.oecd.org/g20/topics/employment-and-social-policy/The-Labour-Share-in-G20-Economies.pdf

Atkinson AB. 2009. Factor shares: The principal problem of political economy? Oxford Review of Economic Policy 25(1):3–16. https://doi.org/10.1093/oxrep/grp007

8 Economists are rethinking the numbers on inequality. 2019. The Economist. 28 November 2019. https://www.economist.com/briefing/2019/11/28/economists-are-rethinking-the-numbers-on-inequality

9 Lampart D, Schüpbach K. 2020. Verteilungsbericht 2020. Schweizerischer Gewerkschaftsbund (SGB) Verteilungsbericht Report No. 140. https://vpod.ch/downloads/sgb/sgb-dossier-verteilungsbericht-2020.pdf

10 Wiedmann T, Lenzen M, Keyßer LT, Steinberger JK. 2020. Scientists’ warning on affluence. Nature Communications 11(1):3107. https://doi.org/10.1038/s41467-020-16941-y

Watts J. 2019. Vaclav Smil: ‘Growth must end. Our economist friends don’t seem to realise that.’ The Guardian 21 September 2019. http://www.theguardian.com/books/2019/sep/21/vaclav-smil-interview-growth-must-end-economists

11 Jebb AT, Tay L, Diener E, Oishi S. 2018. Happiness, income satiation and turning points around the world. Nature Human Behaviour 2(1):33–38. https://doi.org/10.1038/s41562-017-0277-0

12 Komlosy A. 2019. Zur geschichtlichen Entwicklung von Arbeit. In: Seidl I, Zahrnt A, Hrsg. Tätigsein in der Postwachstumsgesellschaft. Marburg: Metropolis. https://www.postwachstum.de/mehr-zum-thema/taetigsein-in-der-postwachstumsgesellschaft

13 Gesundheitsförderung Schweiz. 2018. Job-Stress-Index 2018: Jede vierte erwerbstätige Person hat Stress. https://gesundheitsfoerderung.ch/ueber-uns/medien/medienmitteilungen/artikel/job-stress-index-2018-jede-vierte-erwerbstaetige-person-hat-stress.html

14 Eurofound. 2017. Sixth European Working Conditions Survey: Overview Report. 2017 Update. Luxembourg: Publications Office of the European Union. https://www.eurofound.europa.eu/sites/default/files/ef_publication/field_ef_document/ef1634en.pdf

Hanbury H, Bader C, Moser S. 2019. Reducing working hours as a means to foster low(er)-carbon lifestyles? An exploratory study on Swiss employees. Sustainability 11(7):2024. https://doi.org/10.3390/su11072024

15 Biesecker A, Winterfeld U von. 2013. Alte Rationalitätsmuster und neue Beharrlichkeiten: Impulse zu blinden Flecken der Transformationsdebatte. GAIA 22(3):160–165. https://epub.wupperinst.org/frontdoor/index/index/docId/5041

Paech N. 2012. Befreiung vom Überfluss: auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. München: Oekom-Verlag. https://www.oekom.de/buch/befreiung-vom-ueberfluss-9783865811813

16 Komlosy A. 2019. Op. cit.

17 Harvey D. 2005. A Brief History of Neoliberalism. Oxford: Oxford University. https://bit.ly/3eCMC2i

18 WBGU. 2011. Welt im Wandel: Gesellschaftsvertrag für eine Grosse Transformation. Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltänderungen. https://www.wbgu.de/fileadmin/user_upload/wbgu/publikationen/hauptgutachten/hg2011/pdf/wbgu_jg2011.pdf

19 Lepinteur A. 2019. The shorter workweek and worker wellbeing: Evidence from Portugal and France. Labour Economics 58:204–220. https://doi.org/10.1016/j.labeco.2018.05.010

20 Isham A, Gatersleben B, Jackson T. 2019. Flow activities as a route to living well with less. Environment and Behavior 51(4):431–461. https://doi.org/10.1177/0013916518799826

21 Bundesamt für Statistik. 2017. Durchschnittlicher Aufwand für Erwerbsarbeit, Haus- und Familienarbeit und Frewilligenarbeit 2016. https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/unbezahlte-arbeit.html

22 King LC, van den Bergh JCJM. 2017. Worktime Reduction as a solution to climate change: Five scenarios compared for the UK. Ecological Economics 132:124–134. https://doi.org/10.1016/j.ecolecon.2016.10.011

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Fitzgerald JB, Schor JB, Jorgenson AK. 2018. Working hours and carbon dioxide emissions in the United States, 2007–2013. Social Forces 96(4):1851–1874. https://doi.org/10.1093/sf/soy014

23 Barros B, Wilk R. 2021. Private planes, mansions and superyachts: What gives billionaires like Musk and Abramovich such a massive carbon footprint. The Conversation. http://theconversation.com/private-planes-mansions-and-superyachts-what-gives-billionaires-like-musk-and-abramovich-such-a-massive-carbon-footprint-152514

24 Moser S, Kleinhückelkotten S. 2018. Good intents, but low impacts: Diverging importance of motivational and socioeconomic determinants explaining pro-environmental behavior, energy use, and carbon footprint. Environment and Behavior 50(6):626–656. https://doi.org/10.1177/0013916517710685

25 Bruderer Enzler H. 2017. Air travel for private purposes: An analysis of airport access, income and environmental concern in Switzerland. Journal of Transport Geography 61:1–8. https://doi.org/10.1016/j.jtrangeo.2017.03.014

26 Bruderer Enzler H, Diekmann A. 2019. All talk and no action? An analysis of environmental concern, income and greenhouse gas emissions in Switzerland. Energy Research & Social Science 51:12–19. https://doi.org/10.1016/j.erss.2019.01.001

27 Nässén J, Andersson D, Larsson J, Holmberg J. 2015. Explaining the variation in greenhouse gas emissions between households: Socioeconomic, motivational, and physical factors. Journal of Industrial Ecology 19(3):480–489. https://doi.org/10.1111/jiec.12168

28 Otto IM, Kim KM, Dubrovsky N, Lucht W. 2019. Shift the focus from the super-poor to the super-rich. Nature Climate Change 9(2):82–84. https://doi.org/10.1038/s41558-019-0402-3

29 Bader C, Hanbury H, Neubert S, Moser S. 2020. Weniger ist mehr: Der dreifache Gewinn einer Reduktion der Erwerbsarbeitszeit. CDE Working Paper 6. https://www.cde.unibe.ch/unibe/portal/fak_naturwis/g_dept_kzen/b_cde/content/e65013/e681581/e968300/e968311/e969224/CDE_Working_Paper_6_eng.pdf

30 Bärschneider N. 2021. Bei diesen Firmen gilt die Vier-Tage-Woche – und es funktioniert. Handelszeitung, 2. Januar 2021. https://www.handelszeitung.ch/beruf/bei-diesen-firmen-gilt-die-vier-tage-woche-und-es-funktioniert

Terfurth A-K. 2016 Oct 1. Vier-Tage-Woche: Wenn Donnerstag schon Freitag ist. Die Zeit, 1. Oktober 2016. https://www.zeit.de/karriere/beruf/2016-09/vier-tage-woche-test-unternehmen-bericht-flexibilitaet?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.handelszeitung.ch%2F

31 Hanbury H, Bader C, Neubert S, Moser S. 2020. Reduktion der Erwerbsarbeitszeit – aber wie umsetzen? Ökologisches Wirtschaften 4:24–26. https://boris.unibe.ch/151544/1/Hanbury_et_al_2020_-__kologisches_Wirtschaften.pdf

32 Ecoplan. 2019. Auswirkungen einer Individualbesteuerung. Bern: Ecoplan. https://www.profamilia.ch/images/Downloads/PublikationenSchweiz/P-Deutsch/Auswirkungen_einer_Individualbesteuerung.pdf

Salvi M. 2019. Gleichstellung erfordert Individualbesteuerung. Lausanne, Schweiz: Avenir Suisse. https://www.avenir-suisse.ch/gleichstellung-erfordert-individualbesteuerung/

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