Agrarabkommen neu gedacht – Agrarhandel für nachhaltige Entwicklung

balance of two worlds
Foto: r.classen / shutterstock


Die Initiative «Agreement on Agriculture Re-Imagined» (AoA ReI) schlägt ein Musterübereinkommen über   internationalen Agrarhandel für nachhaltige Ernährungssysteme vor. Dieses soll die aktuellen Reformbestrebungen zum Übereinkommen über die Landwirtschaft (Agreement on Agriculture AoA) der Welthandelsorganisation (WTO) inspirieren und beeinflussen. Das Musterübereinkommen ist ein zukunftsgerichteter Denkanstoss: Es soll den Staaten Raum für neue Ansätze geben und sie gleichzeitig mehr in die Pflicht nehmen.

Hintergrund des Projekts

Die Welt braucht ein Handelssystem, das nachhaltige und sozial gerechte Ernährungssysteme stärkt – etwas, was das derzeitige WTO-Übereinkommen über die Landwirtschaft (AoA) nicht leistet. Während Klimaerwärmung, Biodiversitätsverlust und Epidemien die Nahrungsmittelproduktion weltweit beeinträchtigen, trägt die Landwirtschaft ihrerseits zu grossen Umwelt- und Gesundheitskrisen bei. Ein zielgerichteteres, gerechteres Handelssystem könnte dem entgegenwirken und Anreize für einen Wandel schaffen.

Der internationale Handel mit Nahrungsmitteln und Agrarprodukten kann für Produzent*innen, Verbraucher*innen, Gemeinschaften und die Natur positiv sein und lokale Märkte sinnvoll ergänzen. Es kommt aber darauf an, wie der Handel und dessen Regeln ausgestaltet sind.

Neugestaltung des Agrarhandels: nachhaltige Ernährungssysteme fördern

Angesichts dieser Situation hat sich eine Gruppe von Expert*innen aus der ganzen Welt in der Initiative AoA ReI zusammengeschlossen – mit dem Ziel, neue globale Handelsregeln für eine nachhaltige Ernährungswirtschaft vorzuschlagen. Das Projekt bietet einen innovativen Ansatz: Statt allgemeine Vorschläge zu machen, präsentiert die AoA ReI innovative Leitlinien und ein umfassendes, konkretes und in sich kohärentes Regelwerk für den internationalen Handel mit Nahrungsmitteln und Agrarprodukten.

Das Forschungsteam besteht aus Wissenschaftler*innen und Praxis-Vertreter*innen aus Argentinien, Brasilien, China, der EU, Indien, der Schweiz, Simbabwe, Uganda und den USA. Das Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern, das Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) und das International Institute for Sustainable Development (IISD) leiten und koordinieren das Projekt.

The 8 Principles of the model treaty


Das Forschungsteam besteht aus Wissenschaftler*innen und Praxis-Vertreter*innen aus Argentinien, Brasilien, China, der EU, Indien, der Schweiz, Simbabwe, Uganda und den USA. Das Centre for Development and Environment (CDE) der Universität Bern, das Institute for Agriculture and Trade Policy (IATP) und das International Institute for Sustainable Development (IISD) leiten und koordinieren das Projekt.

Meilensteine der Initiative

Zwischen 2023 und 2025 hat das Forschungsteam durch Recherche, in Workshops und vertieften Debatten

  • die globalen Herausforderungen identifiziert, denen sich die Regulierung des Agrarhandels stellen muss, einschliesslich einer Bewertung, inwiefern die heutigen WTO-Regeln für den Agrarhandel den globalen Herausforderungen nicht gerecht werden. Das untenstehende Hintergrundpapier begründet und verdeutlicht die Notwendigkeit neuer Regeln;
     
  • mit Blick auf das bestehende internationale Recht die Ziele und Schlüsselkonzepte ausgearbeitet, denen die Regulierung des Agrarhandels folgen soll;
     
  • die Grundsätze für das Musterübereinkommen festgelegt;
     
  • eine Reihe von politischen Empfehlungen für die Staats- und Regierungschefs der G20 formuliert, um sie bei ihrer Politikgestaltung im Bereich des Agrarhandels zu unterstützen und die potenzielle Rolle der G20 in einem entsprechenden Reformprozess hervorzuheben (siehe G20 Policy Brief „The Agreement on Agriculture Re-Imagined” unten);
     
  • ein Musterübereinkommen über den Agrarhandel für nachhaltige Lebensmittelsysteme entworfen, das sich derzeit in Konsultation befindet.

Resultate

Das Hintergrundpapier (siehe unten) beschreibt einige der inhärenten Mängel des AoA und zeigt beispielsweise auf, wo soziale und ökologische Aspekte der Ernährungssicherheit vernachlässigt werden.  So schränkt das AoA etwa den politischen Spielraum verschiedener ärmerer Länder zu stark ein, was ihnen erschwert,Massnahmen für die Ernährungssicherheit und anderer Ziele von öffentlichem Interesse umzusetzen. Parallel dazu hat es das AoA vielen wohlhabenderen Ländern ermöglicht, ihren eigenen Agrarsektor oft in einer Art zu stärken, die mit Umwelt und Menschenrechten nicht vereinbar ist (siehe Interview).

Weiter verdeutlicht das Hintergrundpapier die Problematik, dass das AoA seit seinem Inkrafttreten 1995 nicht an die veränderten globalen Rahmenbedingungen angepasst wurde. Namentlich sind dies: das Wachstum und die geografische Verlagerung der Agrarproduktion; zunehmend globalisierte und komplexere Handelsmuster; sowie eine verstärkte Marktkonzentration. Mangels geeigneter Regeln wurden die grossen Agrarunternehmen über die Jahre hinweg gestärkt und gleichzeitig die Verhandlungsmacht von Landwirt*innen und Regierungen eingeschränkt. Hinzu kommt, dass Klimawandel und weitere ökologische Herausforderungen die Nahrungsproduktion sowie den -konsum voraussichtlich weiter verändern werden.

Schliesslich erinnert das Hintergrundpapier daran, dass sich die politische Ökonomie des Handels heute grundlegend von der zum Zeitpunkt der WTO-Gründung unterscheidet. Damit sind frühere Annahmen über die Ziele und die Regulierung des internationalen Handels hinfällig – was ein neues globales Handelssystem nicht nur wünschenswert, sondern auch nötig macht.

Der Musterübereinkommen basiert auf acht Grundsätzen, die alle gleichwertig sind. Sie unterstützen sich gegenseitig und müssen alle beachtet werden, damit das Musterübereinkommen seine beabsichtigte Wirkung entfalten kann. Die AoA ReI hat sorgfältig abgewogen, auf welche Grundsätze das Musterübereinkommen bauen soll. Diese sind in einem Artikel definiert und beschrieben (siehe unten).

Der Entwurf eines Musterübereinkommens über den Handel mit Agrarerzeugnissen für nachhaltige Ernährungssysteme (Entwurf für Konsultationen, Oktober 2025) ist in Rechtssprache verfasst. Die grafischen Darstellungen sollen ein leichteres Verständnis ermöglichen.

Grafische Darstellungen:


Schweizer Debatte in Form einer Parlaments-Simulation

In der Schweiz hat das AoA ReI-Team am 21. Januar 2026 mit einer breiten Gruppe von Fachpersonen den Entwurf des Musterübereinkommens diskutiert. Zu den Eingeladenen gehörten Vertreter*innen aus Politik, Verbänden, Wissenschaft, Praxis und Zivilgesellschaft, was eine möglichst umfassende Perspektive auf das Thema ermöglichte. Die Konsultation orientierte sich an der Struktur einer parlamentarischen Debatte.

 

Internationale Konsultationen

Auf internationaler Ebene fanden bis März 2026 eine Reihe von Fachkonsultationen statt. Am IISD-Trade and Sustainability Hub anlässlich der 14. Ministerkonferenz der WTO in Kamerun haben die Initiantinnen die Zwischenergebnisse einem breiten Publikum vorgestellt.

Für weitere Informationen oder für die Teilnahme an den Konsultationen senden Sie bitte eine E-Mail in Englisch an aoarei@iatp.org oder in Deutsch an elisabeth.buergi@unibe.ch.

 
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