Nachhaltigkeit – die Ver(w)irrungen eines Begriffs

Haben Sie kürzlich «Nachhaltigkeit» gegoogelt? Unter den Zehntausenden von Treffern sind Sie bestimmt auf wissenschaftliche Artikel, Umweltorganisationen und Bekenntnisse von öffentlichen Verwaltungen gestossen, aber auch auf Banken, Ölfirmen, Tourismusangebote, politische Initiativen, etc. «Nachhaltigkeit» ist zum Buzzword, zum Containerbegriff, geworden. In einer Serie über den Begriff gehen wir auf die Frage der Wirkung dieser Vereinnahmung ein, liefern Denkanstösse – und fordern dazu auf, mit dem Begriff Nachhaltigkeit bewusster umzugehen.

BLOGPOSTS UND INTERVIEWS

Crispin Thurlow: Hinter der Fassade der Nachhaltigkeit: Was verbergen Bilder von Abfall?

Plastic bottles appear as beach waste, clean-up litter, and ocean-floor debris; the fourth image shows dumped nuclear waste in a corroded barrel on the seabed

«Nachhaltigkeit» ist überall – und zugleich immer schwieriger zu fassen. Der Begriff verspricht Klarheit, wirkt aber oft vage. Ähnlich verhält es sich mit Bildern, die wir verwenden, um über Umweltprobleme zu sprechen: Sie zeigen uns etwas Wichtiges, lassen aber auch vieles ausserhalb des Blickfelds, schreibt Crispin Thurlow, Professor für Sprache und Kommunikation an der Uni Bern in seinem Blogpost.

Zar Chi Aye: Nachhaltigkeit in Krisenregionen: Kann sie noch eine Rolle spielen?

Zar Chi Aye

In Ländern, die von Konflikten und Instabilität geprägt sind, verschiebt sich die Bedeutung von Nachhaltigkeit – von global definierten Zielen hin zur dringenden Aufgabe, lokale Resilienz aufzubauen. «Die Herausforderung besteht darin, die globalen Debatten in kontextspezifische, lokal verankerte Ansätze zu übersetzen», so Zar Chi Aye, CDE Myanmar.

Silvia Schroer: Eine redliche Rede von Nachhaltigkeit: Können uns biblische Texte Impulse geben?

Village of Battir and its terraces

Die Bibel kennt den Begriff Nachhaltigkeit nicht, wohl aber die Fragen dahinter: nach Bestand, Verlässlichkeit und einem guten Leben für künftige Generationen. Ein Blick in die alten Texte zeigt: Nachhaltigkeit ist untrennbar mit Gerechtigkeit verknüpft. Silvia Schroer macht klar, heute wie vor 2500 Jahren geht es bei Nachhaltigkeit auch darum, Vergeltung, Ausbeutung und Machtmissbrauch einzuschränken.

Björn Müller: Soziale Innovation – Wie können wir Menschen für ein wirklich nachhaltiges Morgen gewinnen?

Legs of a woman and man in jeans, which show stains from painting work

Wie können wir Nachhaltigkeit zu etwas machen, das sich viele Menschen wünschen – statt sie nur als Schlagwort zu verwenden? In Zeiten von Krisen ist es zentral, Nachhaltigkeit vom abstrakten Ziel zu einer erfahrbaren Einladung zu verwandeln – und damit zu einem gemeinsamen Versprechen für die Zukunft, so Björn Müller, Transformationsforscher am CDE. Ein Schlüssel dazu: soziale Innovation.

Stefan Leins: Nachhaltig investieren – grüner, sozialer, rentabler?

ESG principles displayed on futuristic digital graphics

«Sustainable Finance» und «nachhaltige Anlagen» gehören in der Bankenwelt inzwischen zum guten Ton. Doch was ist da dran? Stefan Leins, Professor für Sozialanthropologie an der Uni Bern, hat sich in seiner Forschung mit Nachhaltigkeit in Finanzmärkten befasst. Hier gibt er einen Einblick in die Materie und erklärt, warum es sich lohnt, genau hinzuschauen, wenn Banker*innen heute von Sustainable Finance sprechen.

Theresa Tribaldos: Nachhaltigkeit auf dem Teller: Geht es nur um die Anzahl Kühe?

Theresa Tribaldos

Essen polarisiert. Die einen sehen im Veganismus die Lösung, um uns innerhalb der planetaren Grenzen zu ernähren. Andere fordern, der Fleischkonsum müsse gesellschaftlich wieder breiter akzeptiert werden. Wieder andere führen das «Grasland Schweiz» ins Feld, um gegen den verminderten Konsum tierischer Produkte anzutreten. Und alle berufen sich dabei auf Nachhaltigkeit. Was jetzt? Theresa Tribaldos ordnet ein.

Juri Auderset: Droht der Siegeszug zum Pyrrhussieg zu werden? Zur Begriffsgeschichte der Nachhaltigkeit

Dust Bowl farm Coldwater District, Texas, 1938

«Wenn Nachhaltigkeit zur Werbe-Chiffre zu verkommen droht, mit der ökologische Ernsthaftigkeit geheuchelt wird, um dann unbekümmert dem Wachstumsfetisch und der Akkumulation zu huldigen, wird historischer Einspruch, Orientierung und Aufklärung zum Imperativ», so Juri Auderset. In unserer Serie zeichnet er einige Episoden der Begriffsgeschichte nach und animiert zu kritischem Nachfragen.

Lilla Gurtner: Nachhaltig in die Umweltkrise? Wenn plötzlich alles nachhaltig ist

several icons for net zero

«Nachhaltig» steht heute überall. Zumindest auf der Verpackung. Ob sie auch drin ist, steht auf einem anderen Blatt. Trotzdem zeigt der Gebrauch dieser Etikette: Nachhaltigkeit ist heute etwas Erwünschtes, eine soziale Norm. Was aber passiert mit uns, wenn alles «nachhaltig» aussieht?