Nachhaltigkeit in Krisenregionen: Kann sie noch eine Rolle spielen?

In Ländern, die von Konflikten und Instabilität geprägt sind, verschiebt sich die Bedeutung von Nachhaltigkeit – von global definierten Zielen hin zur dringenden Aufgabe, lokale Resilienz aufzubauen. Im Interview erklärt Zar Chi Aye vom CDE Myanmar, warum in fragilen Kontexten Nachhaltigkeitsprinzipien wie die Anpassung an den Klimawandel und lokal verankerte Ansätze weiterhin entscheidend sind.

Zar Chi Aye
«Klimarisiken verschwinden in Konflikten nicht, und die Umweltzerstörung beschleunigt sich in fragilen Kontexten sogar noch»: Zar Chi Aye. Foto: CDE


Interview: Gaby Allheilig

Myanmar ist wegen des Bürgerkriegs und Naturkatastrophen wie dem Erdbeben im März 2025 weltweit in den Schlagzeilen. Die Menschen dort kämpfen ums Überleben. Interessiert Nachhaltigkeit in so einem Kontext überhaupt noch?

Ja, es kommt darauf an, wie wir «Nachhaltigkeit» definieren und was wir darunter verstehen. Meinen wir mit Nachhaltigkeit das Erreichen von extern festgelegten Zielen nach standardisierten Indikatoren – und riskieren dabei, die gelebten Realitäten von Gemeinschaften zu vergessen, die mit Konflikten und Instabilität konfrontiert sind? Oder verstehen wir unter Nachhaltigkeit die Stärkung widerstandsfähiger, lokal verankerter Initiativen und dezentraler Systeme, die sich anpassen und auch in Krisen Bestand haben? Wenn Letzteres gemeint ist, dann bleibt Nachhaltigkeit auch in hochfragilen Kontexten wie Myanmar von Bedeutung und muss dort weiterhin eine Rolle spielen.

Heisst das, dass die «grossen» globalen Nachhaltigkeitsdebatten losgelöst von der Realität eines Landes in der Krise sind?

Diskussionen über den Übergang zu Netto-Null oder grüne Finanzierungsinstrumente können weit entfernt von den unmittelbaren Prioritäten von Gemeinschaften erscheinen, die mit Unsicherheit und wirtschaftlichem Zusammenbruch konfrontiert sind. Das macht Nachhaltigkeit jedoch nicht irrelevant. Im Gegenteil: Zentrale Prinzipien der globalen Nachhaltigkeitsagenda – wie Anpassung an den Klimawandel, Schutz von Ökosystemen, lokal verankerte Ansätze und Resilienz – bleiben äusserst wichtig. Klimarisiken verschwinden während Konflikten nicht, und die Umweltzerstörung beschleunigt sich in fragilen Kontexten sogar noch.

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«Länder, die von Konflikten betroffen sind, brauchen noch mehr nachhaltiges Denken»

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Die Herausforderung besteht also nicht darin, dass die globalen Debatten irrelevant wären, sondern dass sie in kontextspezifische, lokal verankerte Ansätze übersetzt werden müssen. In Ländern wie Myanmar muss Nachhaltigkeit im Sinne von Resilienz und der Stärkung lokaler Systeme gedacht werden. Tatsächlich haben Länder, die von Konflikten betroffen sind, einen noch grösseren Bedarf an nachhaltigem Denken. Denn ein Wiederaufbau ohne Resilienz birgt das Risiko, bestehende Verletzlichkeiten zu reproduzieren.

Wie gross war das Interesse an Nachhaltigkeitsthemen vor der politischen Krise? Und was hat sich seither verändert?

Vor 2021 gewannen Nachhaltigkeit und nachhaltige Entwicklung in Myanmar zunehmend an Boden. Viele Fachkräfte kehrten ins Land zurück, um ihre Expertise einzubringen, und internationale Partner*innen unterstützten ein breites Spektrum an Initiativen.

Mit der politischen Krise und der darauffolgenden Instabilität wurden viele Projekte ausgesetzt oder unterbrochen, und eine beträchtliche Zahl qualifizierter Fachkräfte hat das Land verlassen. Obwohl frühere Nachhaltigkeitsbemühungen wichtige Fortschritte erzielt hatten, deckte die sich verschärfende Krise strukturelle Schwächen innerhalb von Institutionen und Systemen auf, die noch nicht vollständig gefestigt waren.

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«Wir konzentrieren uns darauf, die Kapazitäten lokaler Interessengruppen und Fachleute zu stärken»

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Woran arbeiten Sie konkret? Und wie?

Wir konzentrieren uns darauf, die lokalen Strukturen und Kompetenzen von Interessengruppen und Fachleuten in den Bereichen Land- und Ressourcenmanagement, Klimaresilienz und Katastrophenrisikomanagement zu stärken. Das tun wir durch evidenzbasierte Forschung und indem wir wichtige Datensätze entwickeln sowie offen zugängliche Daten fördern. Zudem bieten wir technische Schulungen an, moderieren partizipative und Co-Design-Prozesse und unterstützen lokale Initiativen.

Zum Beispiel?

Wetterextreme im Zuge des Klimawandels beeinträchtigen sowohl die Bodengesundheit als auch die Verfügbarkeit von Wasser. Deshalb ist es wichtig, verlässliche und zugängliche Klimaprognosen bereitzustellen – und geeignete Präventions- und Anpassungsmassnahmen zu entwickeln. Unser Team in Myanmar arbeitet dafür eng mit internationalen Klimaexpert*innen und lokalen Organisationen zusammen.

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«Kontinuierliche Investitionen in lokale Fähigkeiten sind der Kern, um Resilienz aufzubauen»

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Wie kommen solche Themen bei den Menschen an, mit denen Sie zusammenarbeiten – zum Beispiel bei Nichtregierungsorganisationen?

Für die lokalen Akteur*innen, mit denen wir zusammenarbeiten, sind sie schon ziemlich relevant. Viele engagieren sich auf Gemeindeebene für Klimaresilienz, Umweltschutz, Landmanagement und Katastrophenhilfe. Fragen der Landnutzung, des Managements natürlicher Ressourcen und der ökologischen Stabilität sind für die langfristige Resilienz in Myanmar zentral, weil sie die Lebensgrundlagen, Ernährungssysteme und die Anfälligkeit für Katastrophen direkt beeinflussen.

Projekte haben immer einen Planungshorizont. Können Sie noch mit einer langfristigen Perspektive arbeiten? Oder arbeiten Sie von der Hand in den Mund?

In der aktuellen Situation müssen wir flexibel und anpassungsfähig bleiben sowie auf unmittelbare Bedürfnisse und Bedingungen reagieren, die sich schnell ändern. Trotzdem halten wir bewusst an einer langfristigen Perspektive fest, die darauf abzielt, lokale Initiativen, Systeme und Kapazitäten über einzelne Projektzyklen hinaus zu stärken. Wir sind überzeugt: Die kontinuierliche Investition in lokale Fähigkeiten ist der Kern, um Resilienz aufzubauen. Gerade in fragilen Kontexten ist es entscheidend, den langfristigen Horizont im Auge zu behalten, um wiederkehrende Zyklen von Krisen und Abhängigkeiten zu vermeiden.

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«Nachhaltigkeit lässt sich nicht von Frieden und Stabilität trennen»

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Sie sagten, internationale Partner*innen hätten vor der politischen Krise Nachhaltigkeitsinitiativen unterstützt. Nun hat sich die Lage geändert: Viele Geber nehmen Myanmar gar nicht mehr in ihre Programme auf. Ist es unter diesen Umständen überhaupt realistisch, an langfristige Zusammenarbeit zu denken?

Angesichts der politischen und operativen Herausforderungen ist es nachvollziehbar, dass viele internationale Akteure ihr Engagement in Myanmar überdenken. Die entscheidende Frage ist aber nicht, ob die Rahmenbedingungen schwierig sind, sondern was passiert, wenn Nachhaltigkeit und Resilienz völlig aus dem Blickfeld geraten. Umweltzerstörung, Unsicherheiten punkto Lebensgrundlagen und Ernährung sowie eine schwache Ressourcenpolitik weisen eine direkte Wechselwirkung mit Konfliktdynamiken und Instabilität auf.

Nachhaltigkeit lässt sich nicht von Frieden und Stabilität trennen, sie ist Teil desselben Systems. Ignoriert man das, besteht die Gefahr, dass das Land in eine Abwärtsspirale gerät, in der es immer schwieriger und kostspieliger wird, negative Entwicklungen rückgängig zu machen. In diesem Sinne ist ein weiteres Engagement kein Idealismus. Es ist pragmatisches Risikomanagement für die Zukunft.