Erst kürzlich hiess es, das Projekt verschiebe sich um weitere zwei Jahre und Mitholz könne erst 2047 wieder vollständig besiedelt werden. Sinkt da die Stimmung in der Bevölkerung erneut?
Zum Teil – und voraussichtlich wird es auch nicht die letzte Verzögerung sein, weil es sich um ein hochkomplexes Projekt über einen sehr langen Zeitraum handelt. Es liegt auf der Hand, dass gewisse Informationen erst mit dem Fortschreiten der Arbeiten vorliegen und man die nachfolgenden Arbeitsplanungen wieder anpassen muss.
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«Viele hoffen, dass ihre Kinder oder Enkel einmal in Mitholz leben werden»
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Sie haben auch die Zukunftsvorstellungen der Mitholzer Bevölkerung untersucht. Was bleibt, wenn die Bagger einmal weg sind?
Man muss unterscheiden zwischen dem, wie sie sich ihre eigene Zukunft vorstellen, und dem, wie sie die Zukunft des Dorfs sehen. Für die meisten, die wegziehen, ist klar, dass sie selbst nicht zurückkehren – zumal dann etliche schon zu alt sein werden oder sich anderswo eingelebt haben. Trotzdem ist es auch für sie wichtig, den Bezug zu ihrem Land, zu ihrem Heim aufrecht erhalten zu können und ein Vorkaufsrecht zu haben. Sie hoffen, dass ihre Kinder oder Enkel einmal dort wohnen werden.
Und was passiert mit dem Dorf?
Im Moment geht die Nord-Süd-Transitachse für den Auto- und Lastwagenverkehr mitten durchs Dorf. Diese Strasse ist äusserst stark befahren. Im Verlauf der Räumung wird sie verlegt. Davon erhoffen sich alle eine merkliche Verkehrsberuhigung. Aber wie das Dorf sich dereinst entwickelt, ob daraus ein Ferienressort wird, wer die Grundstücke kauft, bei denen die Bewohner*innen keinen Gebrauch von ihrem Vorkaufsrecht machen, wer dorthin zieht, ist offen. Die meisten sind im Moment gar nicht in der Lage, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, weil sie voll auf mit der Planung ihrer eigenen Zukunft beschäftigt sind.
Wollen denn die meisten der ursprünglich rund 150 Personen weg?
Nein, im Evakuationsperimeter gibt es Familien, die sagen, sie würden bleiben – solange es gut geht. Man muss sich vor Augen halten, dass sehr viel Baulärm und -verkehr auf sie zukommt: Da ist die Räumung, die Strassenverlegung und zusätzlich baut die BLS gleichzeitig die Bahnstrecke aus und braucht dafür in Mitholz Ablagefläche für den Tunnelaushub. Dass sich die Leute den Entscheid offenhalten, ist verständlich.
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«Je stärker der Ortsbezug ist, desto schwerer fällt es den Leuten zu gehen»
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Es heisst oft, in Berggebieten seien viele nicht bereit, ihre Heimat zu verlassen – trotz steigender Risiken infolge des Klimawandels. Warum?
Das hat sehr viel mit ihrem Bezug zum Ort zu tun. In Mitholz zum Beispiel haben viele ihr Haus von den Eltern oder Grosseltern übernommen. Für sie ist das Haus nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern gehört zur eigenen Biografie. Wer lange dort gelebt hat, liebt auch das enge Tal. Je stärker dieser Ortsbezug ist, desto schwerer fällt es den Leuten zu gehen.
Auch im Mittelland gibt es Menschen, die ihr Heim teils über Generationen bewohnen. Ist hier der Ortsbezug weniger stark als in Berggebieten?
Ich denke nicht, dass die enge Verbundenheit mit dem Ort, den man kennt, auf die Berggebiete oder das Land beschränkt ist. Auch in den Städten sind Mieter*innen, die lange in einer Wohnung sind, meist im Quartier verwurzelt, haben dort ihre sozialen Kontakte, ihre bevorzugten Orte und Wege, etc.
Welche Lehren kann man aus dem Fall Mitholz punkto Umsiedlungen ziehen?
Es ist sehr wichtig, dass man den Betroffenen von Anfang an mit Beratungsdiensten zur Seite steht – zum einen, um die finanziellen und rechtlichen Aspekte zu klären, zum andern braucht es psychologische Unterstützung. Viele Mitholzer*innen klagen über Schlafmangel, Schlafstörungen oder Depressionen, aber auch Ängste und Wut. Sie leiden an Solastalgie. Der Begriff beschreibt eine Art Heimweh nach dem Ort, wo man zwar noch lebt, der sich aber auf eine Weise verändert, die man als belastend empfindet. Da gilt es, die Menschen zu begleiten und aufzufangen und nicht einfach zu sagen «Wir entschädigen sie finanziell.»
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«Es braucht den direkten Kontakt der Projektverantwortlichen zu jeder einzelnen Familie»
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Wurde das nicht gemacht?
Am Anfang war kein Anwalt oder Anwältin da, die spezifische Fragen beantwortet oder die Betroffenen beraten hätte. Das VBS hat dann jedoch rasch eine Rechtsberatung eingerichtet. Aber für künftige Umsiedlungen, egal wo, sollte man beachten, dass man vorausschauend daran denkt, eine Rechtsberatung und einen psychologischen Dienst zur Verfügung zu stellen. Und diese Beratungsstellen sollten unabhängig sein.
Warum?
In Mitholz ist das VBS auch Akteur, also Partei. In einem Gespräch hat mir jemand gesagt: «Da gehe ich nicht hin.» Es braucht also unabhängige und niederschwellige Angebote.
Schliesslich ist auch die Kommunikation wichtig. Man muss sie laufend an neue Situationen und Bedürfnisse anpassen. In Mitholz war es wichtig, dass man zunächst darüber informiert hat, warum die Umsiedlung nötig ist. Danach kamen die Informationen über Entschädigungszahlungen und über bestehende Möglichkeiten und Unterstützungsangebote. Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass dabei der direkte Kontakt zu jedem und jeder Einzelnen der Bevölkerung stattfindet, weil alle ihre spezifischen Fragen haben.
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«Ein wissenschaftlich gestützter Leitfaden wäre für die Behörden wertvoll»
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Insgesamt tut man sich in der Schweiz mit dem Thema Umsiedlungen noch immer schwer.
Man wird künftig vermehrt darüber diskutieren müssen – allein schon wegen den drohenden Naturgefahren. Denn nach Evakuationen kann es in einer zweiten Phase auch zu Umsiedlungen kommen wie in Schwanden im Kanton Glarus. Das bedeutet nicht, dass man bei jedem Risiko zwingend umsiedeln muss, sondern darum, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die ausführenden Behörden sollten etwas zur Hand haben – zum Beispiel einen Leitfaden –, der ihnen hilft, alle relevanten Punkte zu beachten.
Gibt es das noch nicht?
Nein, weder in der Schweiz noch in den meisten anderen Ländern. Es gibt Studien und Untersuchungen – aber es wäre wertvoll, wenn man auch einen wissenschaftlich gestützten Leitfaden ausarbeiten würde.
Gerade die Schweiz war schon früher mit Umsiedlungen konfrontiert – beispielsweise im Zuge der Stauseebauten im 20. Jahrhundert. Da mussten Dörfer oder ganze Talschaften den Fluten weichen…
… ja, aber da ging es nicht um eine Gefahr, sondern um Energie. Und aus wirtschaftlichen Gründen waren auch die Kantone im Mittelland stark daran interessiert, dass diese Stauseen realisiert wurden. Obwohl es für die Betroffenen viele Berührungspunkte zu einer Umsiedlung wie in Mitholz gibt, geht es bei solchen Infrastrukturbauten noch um ganz andere Interessen – und auch um Machtverhältnisse. Derzeit läuft am Historischen Institut der Uni Bern zu diesen Fragen eine Studie.