Mitholz: Was die Umsiedlung für die Bevölkerung bedeutet

Umsiedlungen werden im Alpenraum immer öfter zum Thema – wegen Rutschungen, Bergstürzen oder Hochwassern infolge der Erderwärmung. Der Fall Mitholz liegt anders: Hier war es die Räumung das ehemaligen Munitionslagers, die das Leben im Dorf tief verändert hat. CDE-Wissenschaftlerin Astrid Wallner hat die Auswirkungen auf die Bevölkerung untersucht – und sagt, was man daraus lernen sollte.

Astrid Wallner
«Fälle wie Blatten oder Brienz/Brienzauls sind anders als Mitholz»: Astrid Wallner. Foto: CDE


Interview: Gaby Allheilig

Sie haben für Ihre Studie intensiv mit der Bevölkerung in Mitholz zusammengearbeitet. Inzwischen haben der Bergsturz in Blatten und der Hangrutsch in Brienz/Brienzauls die Umsiedlung in Mitholz aus den Schlagzeilen verdrängt. Woran denken Sie, wenn Sie von solchen Ereignissen hören?

Es ist wichtig festzuhalten, dass Fälle wie Blatten oder Brienz/Brienzauls anders als Mitholz sind: Da geht es um Menschenleben, die in diesem Moment akut bedroht sind, und um Evakuierungen, die sofort stattfinden müssen. Persönlich bin ich sehr froh, wenn man erfährt, dass eine solche Evakuierung funktioniert hat und die allermeisten Menschen heil davongekommen sind. Der Schaden für diese Menschen hingegen bleibt immens. Denn sie verlieren oft alles.

Das Thema Umsiedlung – zu dem es bisher meines Wissens in der Schweiz keine wissenschaftlichen Studien gegeben hat – wird in solchen Fällen erst in einem zweiten Schritt aktuell. Erst dann stehen auch die Fragen an, ob eine solche sinnvoll ist und ob die Betroffenen das wollen.

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«In Mitholz haben die Leute Zeit sich zu entscheiden – das hat Folgen auf die sozialen Netzwerke»

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In Mitholz findet der Wegzug schleichend statt. Welche Folgen hat das für das Dorf – im Unterschied zu einer Naturkatastrophe, wo die ganze Bevölkerung auf einen Schlag weg muss?

Von einer Evakuierung sind alle gleich betroffen; alle müssen sich überlegen, wie es nachher weitergehen soll. Auch die Solidarität untereinander und von aussen ist in einem solchen Moment sehr gross, nicht zuletzt deshalb, weil niemand seine Sachen mitnehmen oder sie später wieder holen kann.

In Mitholz hingegen müssen die Betroffenen nicht sofort weg, sondern haben Zeit, selbst zu entscheiden, wann sie gehen wollen. Und je nach Perimeter, in dem sie wohnen, dürfen einige Bewohner*innen auch bleiben. Das hat Folgen für die sozialen Beziehungen: Die Leute sehen, wenn ihre Nachbarschaft langsam leerer wird, wenn es abends plötzlich keine Lichter mehr hat und dunkel bleibt. Das wirkt sich auf die einzelnen Personen aus, aber auch auf die Vereine.

Also wird es langsam zum Geisterdorf?

Davon war in den Medien mitunter die Rede, ja. Ob es so sein wird, weiss ich nicht. Aber wir konnten in den Gesprächen mit der Mitholzer Bevölkerung feststellen, dass die Netzwerke innerhalb des Dorfs allmählich darunter leiden. Das betrifft auch die Vereine, die es generell heute schon eher schwer haben, genügend Personen für die aktive Mitarbeit zu finden. In Mitholz kommt hinzu, dass niemand Neues auf absehbare Zeit ins Dorf zieht.

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«Man merkt, dass es in den Köpfen eine unsichtbare Grenze gibt»

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Wie wirkt sich die Tatsache aus, dass ein Teil der Mitholzer Bevölkerung wegziehen muss, während andere die Wahl haben, ob sie das Dorf verlassen oder bleiben möchten?

Am Anfang hiess es, alle müssten gehen, bis das Dorf nach Abschluss der Räumungsarbeiten wieder besiedelt werden darf. Je weiter das Projekt zur Räumung des ehemaligen Munitionslagers fortschritt, desto klarer wurde die Planung. So konnte man etwa den Gefahrenperimeter verkleinern. Dadurch entstanden verschiedene Zonen: Nebst dem Perimeter der ehemaligen Anlage wurde ein Sicherheitsperimeter geschaffen, aus dem alle Bewohner*innen für mindestens zehn Jahre wegziehen müssen, sowie ein Evakuationsperimeter, in dem die Betroffenen entscheiden können, ob sie bleiben oder gehen.

Verschiedene Perimeter auf einer Karte eingezeichnet
Einteilung von Mitholz in Anlage-, Sicherheits- und Evakuationsperimeter. Quelle: VBS, 2023


Vor Ort sieht man nicht, wo diese Grenze liegt. Aber wenn man mit den Leuten spricht, merkt man, dass es in den Köpfen eine unsichtbare Grenze gibt. Alle wissen genau, wer gehen muss und wer selbst entscheiden kann. Zum Teil führt das zu Neid, weil die einen sich entscheiden müssen, während es bei anderen ein klarer Fall ist.

Gilt der Neid jenen, die eine Wahl haben, oder umgekehrt?

Es gibt beides. Einige haben sich nach der ersten Information relativ rasch dazu entschlossen zu gehen und schon Verhandlungen über den Hausverkauf ans VBS oder über den Kauf von neuem Bauland aufgenommen. So gibt es zum Teil Neid auf die Schnellentschlossenen. Oder es gibt Neid, weil sich der Nachbar gar nicht mit der Frage «Wegziehen oder Bleiben» befassen muss, während man selbst genau diese Abwägung treffen muss.

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«Jede Projektänderung führt dazu, dass die Leute sich fragen, ob sie noch Vertrauen haben können»

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Die Mitholzer Bevölkerung hat ein Wechselbad der Gefühle hinter sich: Der Gefahrenperimeter wurde verändert, und in der Politik führten die Räumungskosten zunächst zu weiterer Unsicherheit. Wie gross ist das Vertrauen in die Behörden noch?

Wir haben das bei der Befragung der Bevölkerung nicht statistisch erhoben, deshalb kann ich das nur einschätzen. Am Anfang, als es hiess, alle müssten weg, war die Rede allgemein von den «Behörden», ohne zu unterscheiden, ob es sich um die Armee, das VBS oder das Parlament handelte. Alle wurden in einen Topf geworfen. Je mehr Zeit vergangen ist, je mehr Gespräche zwischen Projektleitung und den einzelnen Betroffenen stattgefunden haben, wurde das Vertrauen in die Projektleitung etwas besser. Aber jede Veränderung im Projekt führt dazu, dass die Betroffenen sich wieder fragen, ob sie noch Vertrauen in die «Behörden» haben können.

Zeitliche Abfolge der Ereignisse seit 2018 mit Einschätzung der Emotionen der Bevölkerung und Einschätzung des Vertrauens der Bevölkerung in die Behörden gemäss Studie.

Erläuterung: SiK-N = Sicherheitskommission des Nationalrats


Erst kürzlich hiess es, das Projekt verschiebe sich um weitere zwei Jahre und Mitholz könne erst 2047 wieder vollständig besiedelt werden. Sinkt da die Stimmung in der Bevölkerung erneut?

Zum Teil – und voraussichtlich wird es auch nicht die letzte Verzögerung sein, weil es sich um ein hochkomplexes Projekt über einen sehr langen Zeitraum handelt. Es liegt auf der Hand, dass gewisse Informationen erst mit dem Fortschreiten der Arbeiten vorliegen und man die nachfolgenden Arbeitsplanungen wieder anpassen muss.

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«Viele hoffen, dass ihre Kinder oder Enkel einmal in Mitholz leben werden»

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Sie haben auch die Zukunftsvorstellungen der Mitholzer Bevölkerung untersucht. Was bleibt, wenn die Bagger einmal weg sind?

Man muss unterscheiden zwischen dem, wie sie sich ihre eigene Zukunft vorstellen, und dem, wie sie die Zukunft des Dorfs sehen. Für die meisten, die wegziehen, ist klar, dass sie selbst nicht zurückkehren – zumal dann etliche schon zu alt sein werden oder sich anderswo eingelebt haben. Trotzdem ist es auch für sie wichtig, den Bezug zu ihrem Land, zu ihrem Heim aufrecht erhalten zu können und ein Vorkaufsrecht zu haben. Sie hoffen, dass ihre Kinder oder Enkel einmal dort wohnen werden.

Und was passiert mit dem Dorf?

Im Moment geht die Nord-Süd-Transitachse für den Auto- und Lastwagenverkehr mitten durchs Dorf. Diese Strasse ist äusserst stark befahren. Im Verlauf der Räumung wird sie verlegt. Davon erhoffen sich alle eine merkliche Verkehrsberuhigung. Aber wie das Dorf sich dereinst entwickelt, ob daraus ein Ferienressort wird, wer die Grundstücke kauft, bei denen die Bewohner*innen keinen Gebrauch von ihrem Vorkaufsrecht machen, wer dorthin zieht, ist offen. Die meisten sind im Moment gar nicht in der Lage, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, weil sie voll auf mit der Planung ihrer eigenen Zukunft beschäftigt sind.

Wollen denn die meisten der ursprünglich rund 150 Personen weg?

Nein, im Evakuationsperimeter gibt es Familien, die sagen, sie würden bleiben – solange es gut geht. Man muss sich vor Augen halten, dass sehr viel Baulärm und -verkehr auf sie zukommt: Da ist die Räumung, die Strassenverlegung und zusätzlich baut die BLS gleichzeitig die Bahnstrecke aus und braucht dafür in Mitholz Ablagefläche für den Tunnelaushub. Dass sich die Leute den Entscheid offenhalten, ist verständlich.

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«Je stärker der Ortsbezug ist, desto schwerer fällt es den Leuten zu gehen»

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Es heisst oft, in Berggebieten seien viele nicht bereit, ihre Heimat zu verlassen – trotz steigender Risiken infolge des Klimawandels. Warum?

Das hat sehr viel mit ihrem Bezug zum Ort zu tun. In Mitholz zum Beispiel haben viele ihr Haus von den Eltern oder Grosseltern übernommen. Für sie ist das Haus nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern gehört zur eigenen Biografie. Wer lange dort gelebt hat, liebt auch das enge Tal. Je stärker dieser Ortsbezug ist, desto schwerer fällt es den Leuten zu gehen.

Auch im Mittelland gibt es Menschen, die ihr Heim teils über Generationen bewohnen. Ist hier der Ortsbezug weniger stark als in Berggebieten?

Ich denke nicht, dass die enge Verbundenheit mit dem Ort, den man kennt, auf die Berggebiete oder das Land beschränkt ist. Auch in den Städten sind Mieter*innen, die lange in einer Wohnung sind, meist im Quartier verwurzelt, haben dort ihre sozialen Kontakte, ihre bevorzugten Orte und Wege, etc.

Welche Lehren kann man aus dem Fall Mitholz punkto Umsiedlungen ziehen?

Es ist sehr wichtig, dass man den Betroffenen von Anfang an mit Beratungsdiensten zur Seite steht – zum einen, um die finanziellen und rechtlichen Aspekte zu klären, zum andern braucht es psychologische Unterstützung. Viele Mitholzer*innen klagen über Schlafmangel, Schlafstörungen oder Depressionen, aber auch Ängste und Wut. Sie leiden an Solastalgie. Der Begriff beschreibt eine Art Heimweh nach dem Ort, wo man zwar noch lebt, der sich aber auf eine Weise verändert, die man als belastend empfindet. Da gilt es, die Menschen zu begleiten und aufzufangen und nicht einfach zu sagen «Wir entschädigen sie finanziell.»

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«Es braucht den direkten Kontakt der Projektverantwortlichen zu jeder einzelnen Familie»

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Wurde das nicht gemacht?

Am Anfang war kein Anwalt oder Anwältin da, die spezifische Fragen beantwortet oder die Betroffenen beraten hätte. Das VBS hat dann jedoch rasch eine Rechtsberatung eingerichtet. Aber für künftige Umsiedlungen, egal wo, sollte man beachten, dass man vorausschauend daran denkt, eine Rechtsberatung und einen psychologischen Dienst zur Verfügung zu stellen. Und diese Beratungsstellen sollten unabhängig sein.

Warum?

In Mitholz ist das VBS auch Akteur, also Partei. In einem Gespräch hat mir jemand gesagt: «Da gehe ich nicht hin.» Es braucht also unabhängige und niederschwellige Angebote.

Schliesslich ist auch die Kommunikation wichtig. Man muss sie laufend an neue Situationen und Bedürfnisse anpassen. In Mitholz war es wichtig, dass man zunächst darüber informiert hat, warum die Umsiedlung nötig ist. Danach kamen die Informationen über Entschädigungszahlungen und über bestehende Möglichkeiten und Unterstützungsangebote. Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass dabei der direkte Kontakt zu jedem und jeder Einzelnen der Bevölkerung stattfindet, weil alle ihre spezifischen Fragen haben.

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«Ein wissenschaftlich gestützter Leitfaden wäre für die Behörden wertvoll»

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Insgesamt tut man sich in der Schweiz mit dem Thema Umsiedlungen noch immer schwer.

Man wird künftig vermehrt darüber diskutieren müssen – allein schon wegen den drohenden Naturgefahren. Denn nach Evakuationen kann es in einer zweiten Phase auch zu Umsiedlungen kommen wie in Schwanden im Kanton Glarus. Das bedeutet nicht, dass man bei jedem Risiko zwingend umsiedeln muss, sondern darum, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Die ausführenden Behörden sollten etwas zur Hand haben – zum Beispiel einen Leitfaden –, der ihnen hilft, alle relevanten Punkte zu beachten.

Gibt es das noch nicht?

Nein, weder in der Schweiz noch in den meisten anderen Ländern. Es gibt Studien und Untersuchungen – aber es wäre wertvoll, wenn man auch einen wissenschaftlich gestützten Leitfaden ausarbeiten würde.

Gerade die Schweiz war schon früher mit Umsiedlungen konfrontiert – beispielsweise im Zuge der Stauseebauten im 20. Jahrhundert. Da mussten Dörfer oder ganze Talschaften den Fluten weichen…

… ja, aber da ging es nicht um eine Gefahr, sondern um Energie. Und aus wirtschaftlichen Gründen waren auch die Kantone im Mittelland stark daran interessiert, dass diese Stauseen realisiert wurden. Obwohl es für die Betroffenen viele Berührungspunkte zu einer Umsiedlung wie in Mitholz gibt, geht es bei solchen Infrastrukturbauten noch um ganz andere Interessen – und auch um Machtverhältnisse. Derzeit läuft am Historischen Institut der Uni Bern zu diesen Fragen eine Studie.