«Der globale Agrarhandel muss neu gedacht werden»

Das Agrarabkommen der WTO soll nicht nur reformiert, sondern grundlegend neu gestaltet werden: Das ist das Ziel einer 15-köpfigen Gruppe von Expert*innen aus fünf Kontinenten. Im Projekt «Agreement on Agriculture Re-Imagined» haben sie ein «Musterabkommen über internationalen Agrarhandel für nachhaltige Ernährungssysteme» erarbeitet. Wir haben Elisabeth Bürgi Bonanomi, eine der Projektverantwortlichen, gefragt, warum sie den Vorstoss jetzt machen – und was er beinhaltet.

Elisabeth Bürgi Bonanomi in the interview
«Wir laden alle ein, unseren Vorschlag mit uns weiterzudenken»: Elisabeth Bürgi Bonanomi. Foto: Manu Friederich


Interview: Gaby Allheilig

Sie sagen, es brauche ein grundlegend neues Agrarabkommen, und dieses müsse weltweit nachhaltige Ernährungssysteme fördern. Wie kommen Sie darauf?

Heute wird der internationale Agrarhandel vor allem durch das Agrarabkommen der WTO geregelt. Dieses trat 1995 in Kraft, nachdem der Agrarhandel auf Druck von Ländern des globalen Südens in den Kanon des Welthandels aufgenommen wurde. Diese Länder argumentierten, dass sie im globalen Agrarmarkt einen komparativen Vorteil und deshalb auch ein Recht auf freie, nicht durch Zölle und Subventionen verzerrte Märkte hätten. Der Prozess war so angelegt, dass er mit der Zeit in möglichst viel «Freihandel» münden sollte. Dem lag auch die Annahme zugrunde, dass dies weltweit zu mehr Ernährungssicherheit führen würde. Dieses Versprechen wurde jedoch nie eingelöst, wobei schon die Zielrichtung von Beginn an falsch war.

Was ist passiert?

Die Situation ist kompliziert. Das heutige Agrarabkommen enthält in erster Linie Regeln für die Erhebung von Zöllen und die Vergabe von Subventionen. Was Zölle und zollähnliche Massnahmen anbelangt, so wurden diese auf dem Stand von 1995 eingefroren mit dem Versprechen, diese mit der Zeit zu reduzieren. Da die künftigen Verhandlungsrunden aber weitgehend erfolglos blieben, ist diese Reduktion nie erfolgt. Das hat zu einer Situation geführt, in der einige Länder sehr hohe Zölle erheben dürfen, während die Zölle anderer Länder auf einem niedrigen Stand «eingefroren» sind. Ausserdem sind die Staaten nicht verpflichtet, die Zölle an Nachhaltigkeitszielen auszurichten.

Und die Subventionen?

Was die Subventionen angeht, so haben sich die Länder mit dem Agrarabkommen dazu verpflichtet, Subventionen zu reduzieren oder sie auf Umweltziele hin auszurichten. Die Regeln waren allerdings nicht streng genug, sodass auch hier die Ziele nicht erreicht wurden. Die Folge ist, dass OECD-Länder ihren Agrarsektor nach wie vor mit sehr hohen Subventionen unterstützen, ohne die Umwelt- und Sozialvorgaben wirklich ernst nehmen zu müssen.

____________________________________________________________________________

«Das heutige Agrarabkommen hält grosse Ungleichheiten aufrecht»

____________________________________________________________________________

Was heisst das für den globalen Agrarmarkt?

Insgesamt führt das dazu, dass reiche Länder und exportorientierte Grossunternehmen, die Umwelt- und Sozialstandards nicht ernst nehmen, einen Vorteil auf dem Weltmarkt haben. So verursacht das System viele Probleme und hält grosse Ungleichheiten aufrecht.

Zum Beispiel?

Subventionierte Güter aus Europa, den USA oder Erzeugnisse von Agrarexporteuren aus Ländern wie Brasilien oder Argentinien verdrängten über Jahre hinweg die lokale Produktion in ärmeren Ländern. So sind neue Abhängigkeiten entstanden, zum Beispiel weil die urbane Bevölkerung vielerorts auf diese günstigen Nahrungsmittel angewiesen ist. Gleichzeitig sind viele Länder in ihrer Rolle als Rohstoffexporteure gefangen. Denn verarbeitete Produkte aus dem globalen Süden haben auf dem Weltmarkt noch immer einen viel zu schweren Stand.

Was ist die Folge?

Die lokale Landwirtschaft und lokale Ernährungssysteme wurden stark geschwächt. Aus Nachhaltigkeitssicht müssten sie jedoch gestärkt und vielfältiger werden. Dabei ist Handel zwar wichtig; er soll lokale Systeme aber ergänzen und nicht ersetzen.

Und das wollen Sie angehen?

Mit unserem Vorschlag wollen wir die grossen Defizite des heutigen Agrarabkommens korrigieren wie den ungleichen Schutz für lokale Systeme und den Mangel an Nachhaltigkeits- und Fairnessstandards. Unser Ziel ist, Staaten dazu zu bewegen, Handelsmassnahmen sorgsam einzusetzen, um weltweit nachhaltige Ernährungssysteme voranzubringen.

______________________________________________________________________________

«Ein Hebel für Veränderungen ist die Art, wie der Handel reguliert ist»

______________________________________________________________________________

Alle Anstrengungen auf internationaler Ebene, die auf Nachhaltigkeit zielen, drohen gerade zu scheitern: Die Agenda 2030, das Pariser Klimaabkommen, die Biodiversitätsziele, etc. Und jetzt sollen es neue Agrarhandelsregeln richten?

Die heutige Situation schafft weltweit Probleme: Die Art, wie Landwirtschaft betrieben wird, ist vielerorts zu intensiv und zu einseitig und zerstört damit die natürlichen Grundlagen. Zudem leiden nach wie vor viel zu viele Menschen an Hunger. Hinzu kommen schlechte Arbeitsbedingungen, die Verletzung von Land- und Menschenrechten und zu wenig Wertschöpfung in den Gebieten, aus denen die Rohstoffe stammen.

Um all diese Probleme zu lösen, braucht es verschiedenen Massnahmen auf unterschiedlichen Ebenen, angefangen bei der Bodenbearbeitung und einer agrarökologischen Produktionsweise. Es braucht aber unbedingt auch globale Rahmenbedingungen, die dafür die richtigen Marktanreize setzen.

Also für den Handel – aber wie soll er das richten?

Ein wichtiger Hebel, um etwas zu verändern, ist, wie der Handel reguliert ist. Denn das bestimmt, welche Produkte auf welche Märkte gelangen: Werden Rohstoffe oder verarbeitete Produkte gehandelt? Woher stammen die Erzeugnisse – aus Monokulturen oder aus diversifizierter Landwirtschaft? Ergänzt der Handel die lokale Produktion oder ersetzt er sie? Das sind nur ein paar Fragen, die sich stellen.

_______________________________________________________________________________________

«Jedes Land ist schon heute verpflichtet, seine Ernährungssysteme nachhaltig zu gestalten»

_______________________________________________________________________________________

Statt einer Reform des aktuellen Abkommens schlagen Sie ein grundsätzlich neues System vor. Wo setzen Sie den Hebel an?

Es ist wichtig festzuhalten, dass wir nicht die einzigen sind, die in diese Richtung denken. Ähnliche Vorhaben verfolgen auch die Via Campesina, die Deutsche Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die Yale University und insbesondere die kanadische Université Laval mit ihrem Vorschlag für eine Internationale Konvention über Landwirtschafts- und Ernährungsdiversität und -nachhaltigkeit.

An diesen Vorschlag knüpfen wir an und argumentieren, dass jedes Land bereits heute rechtlich dazu verpflichtet ist, sich in Richtung nachhaltiger Ernährungssysteme zu bewegen. Diese Verpflichtung ergibt sich aus dem internationalen öffentlichen Recht, insbesondere aus bestehenden internationalen Abkommen über Biodiversität, Klima sowie Menschen- und Arbeitsrechte.

Und was schlagen Sie vor?

Wir sehen ein Paket an Massnahmen vor, die zusammen gedacht werden müssen. So schlagen wir vor, dass der Einsatz von Handelsinstrumenten wie Zöllen, Exportrestriktionen und Subventionen sowie von Wettbewerbsregeln auf dieses Ziel hin ausgerichtet sein muss. Gleichzeitig dürfen diese Instrumente bei den Handelspartnern keinen Schaden anrichten und sie müssen fair ausgestaltet sein. Dieser Grundgedanke widerspiegelt sich auch in den zugrunde liegenden Prinzipien unseres Vorschlags.

Die acht Prinzipien des vorgeschlagenen Musterabkommens. Grafik: Caroline Dommen, Sophia Murphy, Agreement on Agriculture Re-Imagined, Visual Summary, 2025

________________________________________________________________________________

«Handelsinstrumente müssen das Ziel nachhaltiger Ernährungssysteme verfolgen»

________________________________________________________________________________

Was heisst das konkret?

Wenn Staaten Handelsinstrumente nutzen wollen, müssen sie eine konkrete Strategie vorlegen, die die heutigen Defizite aufzeigt und darlegt, wie sie diese angehen wollen. Zudem sollen Mitgliedstaaten konsistente und strikte Wettbewerbsregeln einführen, die Missbrauch von Marktmacht verhindern.

Nach heutiger Denke ist das handelsverzerrend.

Ja, aber das ist zu kurz gedacht. Wir drehen den Spiess um und argumentieren, dass Rahmenbedingen, die nachhaltige Ernährungssysteme fördern, grundsätzlich in Ordnung sind. Dazu können auch Handelsmassnahmen gehören.

______________________________________________

«Es braucht kontextgerechte Ansätze»

______________________________________________

Das würde heissen, dass jeder Staat andere Massnahmen formulieren und beschliessen könnte.

Genau, denn es braucht kontextgerechte Ansätze. In der Schweiz bedeutet ein nachhaltiges Ernährungssystem etwas anderes als in Senegal. Jedes Land oder jeder Zusammenschluss mehrerer Länder würde das für sich formulieren, wobei Grundregeln überall eingehalten sein müssen.

Wie soll das funktionieren?

Die Länder oder Regionen müssen im Voraus transparent kommunizieren, welche Handelsinstrumente sie wählen wollen und weshalb. Wichtig ist uns dabei das «Do-no-harm»-Prinzip: Ein Staat muss genau prüfen, wie sich die gewählten Massnahmen andernorts auswirken würden. Das Ziel besteht darin, niemandem ungerechtfertigt Schaden zuzufügen.

Weiter sehen wir eine Verpflichtung für reichere Länder vor, faire Preise zu garantieren, ihre Märkte auch für verarbeitete Produkte aus ärmeren Ländern zu öffnen und damit historische Ungerechtigkeiten zu korrigieren. Und schliesslich haben die Länder das Recht, den Marktzugang für Güter zu erschweren oder zu untersagen, wenn andernorts bei der Produktion grundlegende Schutzinteressen gravierend verletzt wurden.

___________________________________________________________________________

«Wir wollen auch die getrennten Welten von Genf und Rom näher zusammenbringen»

___________________________________________________________________________

Wer soll das kontrollieren, wenn jedes Land andere Massnahmen treffen kann?

Zu jedem Abkommen gehört eine institutionelle Architektur. Eine solche haben wir entworfen. Sie basiert primär auf Beratung, Zusammenarbeit und Wissensaustausch, also auf Vertrauen. Für die Beratung sehen wir unter anderem ein Advisory Committee vor, das Länder dabei berät, wie sie eine Strategie für nachhaltige Ernährungssysteme entwickeln und ihre Handelsinstrumente danach ausrichten können.

Unser Ziel ist es, die beiden heute getrennten Welten von Genf – dem Sitz der WTO und weiterer handelsorientierter Institutionen – und Rom – dem Sitz der FAO und des Welternährungsausschusses – näher zusammenzubringen und die Zusammenarbeit zentraler internationaler Organisationen zu stärken. Dazu gehören auch die Menschenrechtsinstitutionen.

______________________________________________________________________________

 «Handel ist ein Querschnittsthema, das verschiedene Ebenen betrifft»

______________________________________________________________________________

Also doch keine Kontrolle?

Doch, wir haben auch Kontrollinstrumente vorgesehen. Alle Mitgliedsländer legen regelmässig Berichte vor, in denen sie ihr Vorgehen darlegen, und erhalten Rückmeldungen. Gleichzeitig ist ein Schiedsgerichtsverfahren angedacht. Dies kommt vorab dann zum Zug, wenn sich ein Staat durch die Massnahmen eines anderen Staates verletzt fühlt.

Wie heute bei der WTO?

Ähnlich, aber nicht gleich. Im Unterschied zur heutigen WTO-Architektur ist der von uns vorgeschlagene Prozess inklusiver. Heute ist es den Handelsdelegierten eines Staates vorbehalten, die Interessen eines Landes zu vertreten. Das wollen wir ändern, denn Handel ist ein Querschnittsthema, das verschiedene thematische Ebenen betrifft. Unserer Ansicht nach müssen Expert*innen aus verschiedenen Fachrichtungen beim Aushandeln von Details und in der Umsetzung beteiligt sein.

____________________________________________

«Wir möchten neue Ideen verankern»

____________________________________________

Sie halten in dem Vorschlag an einer regelbasierten Ordnung mit einem internationalen Abkommen fest. Soll das inner- oder ausserhalb der WTO geschehen?

Diese Frage haben wir bewusst offengelassen. Es ist denkbar, dass sich innerhalb der WTO langfristig die Bereitschaft entwickelt, die bestehenden Regeln grundlegender zu überdenken, sie differenzierter und nuancierter auszugestalten und deutlich stärker auf Nachhaltigkeitsziele hin auszurichten. Wir können uns aber auch vorstellen, dass das Agrarhandelsthema in einen bestehenden oder neuen UN-Prozess eingebettet würde.

Das zu einem Zeitpunkt, an dem die UNO immer mehr unter Druck kommt?

Natürlich gehen wir nicht davon aus, dass unser Vorschlag tel quel umgesetzt wird. Wir zeigen vielmehr eine andere Stossrichtung auf, möchten Denkverbote aufbrechen und neue Ideen verankern – in der Hoffnung, dass die Weltgemeinschaft in 20 Jahren ernsthaft versuchen wird, Handel fairer und nachhaltiger zu gestalten.

Irgendwann müssen schliesslich neue Ideen entstehen. Gemeinsam mit anderen, ähnlichen Initiativen eröffnen wir die Diskussion darüber. Wir laden alle ein, die entworfenen Ansätze mit uns oder in neuen Gruppen weiterzudenken, zu überdenken und mit weiteren marktrelevanten Ideen zu ergänzen.

Mehr zum Projekt und den darin erarbeiteten Grundlagen
Oder auf der Website von iatp